"Wiener Zeitung": Sie feierten gerade zehn Jahre "Anno". Worum geht es dabei?

Rachinger: "Wir brauchen 2015 Budgeterhöhung!" - © Foto: WZ/Hetzmannseder
Rachinger: "Wir brauchen 2015 Budgeterhöhung!" - © Foto: WZ/Hetzmannseder

Johanna Rachinger: Anno heißt "AustriaN Newspapers Online" und ist unser großes Zeitungsdigitalisierungsprojekt. Schon im Jahr 2003 haben wir uns an der Österreichischen Nationalbibliothek intensiv darüber Gedanken gemacht, wie wir in die Digitalisierung einsteigen. Uns war klar, dass wir in erster Linie jene Inhalte digitalisieren, wo wir sehr viel Nachfrage haben, da sind die historischen Zeitungen obenauf. Zweitens wollten wir jene Bestände digitalisieren, wo wir hohe Beschädigungen haben. Das ist gerade bei den Zeitungen der Jahrhundertwende, die ja auf einem sehr schlechten Papier gedruckt wurden, der Fall.

Wir waren die erste Nationalbibliothek in Europa, die so ein großes Digitalisierungsprojekt im Bereich der historischen Zeitungen begonnen hat. Unser Ziel war, pro Jahr circa eine Million Zeitungsseiten ins Netz zu stellen, und das ist uns gelungen. Wir haben jetzt zehn Millionen Seiten im Netz, übrigens eine Million davon aus der "Wiener Zeitung". Es ist auch jedes Jahr die Nachfrage gestiegen. Wir haben heute täglich etwa 2400 Leserinnen und Leser online.

Wie viele davon aus dem Ausland?

Rund die Hälfte aller Zugriffe auf Anno erfolgen aus dem Ausland, etwa ein Viertel aus Deutschland. Es bedanken sich auch immer wieder Wissenschafter aus den USA oder Osteuropa dafür, dass wir diese Möglichkeit bieten. Wir haben mittlerweile die Bestände von 1702 bis 1872 in einer Testversion auch im Volltext durchsuchbar, und unser Ziel ist, dass wir bis 2016 alle Bestände im Volltext durchsuchbar machen. Es hat urheberrechtliche Gründe, dass Zeitungen aus den letzten 70 Jahren also derzeit jene ab 1943, nicht digitalisiert sind.

Sie wollen also die Bestände mehr Lesern zugänglich machen und sie zugleich schonen?

Für uns läuft die ganze Digitalisierung - Anno ist ja nicht das einzige, aber eines unserer größten Projekte - unter dem Stichwort "Demokratisierung des Wissens". Wir wollen Menschen weltweit Wissen schnell, einfach, unkompliziert zugänglich machen. Wir sehen, auch beim Google-Projekt, bei dem bereits 100.000 Bücher digitalisiert wurden, dass diese Inhalte viel mehr gelesen werden als früher. Wir haben im digitalen Lesesaal allein bei Anno mehr als doppelt so viele Lesende täglich als in unseren physischen 19 Lesesälen.

Was brachte die Jubiläumsaktion "10 Jahre Anno"?

Im Rahmen eines Wettbewerbs haben wir die skurrilsten Meldungen aus Anno gesucht. Eine der originellsten eingereichten Meldungen war, dass man in Tirol ein Begräbnis absagen musste - wegen Biermangels. Oder: In Ungarn hat ein Fleischhacker immer altes Fleisch verkauft, worauf die Leute ihn am Marktplatz mit übelriechendem Fleisch um den Mund am Pranger festgebunden haben, damit er das nicht mehr macht. Wir haben alle Personen, die eingereicht haben, eingeladen und einige dieser Meldungen auf Facebook gepostet. Wir sind seit einem Jahr auf Facebook und haben schon über 4000 Fans. Durch solche Meldungen und Hinweise, was sich in unserem Haus aktuell tut, wächst das auch sehr rasch.

Wie weit ist Ihr Budget für die Digitalisierungsprojekte gesichert?

Wir agieren mit einer gedeckelten Basisabgeltung, sie wird also jedes Jahr weniger wert, weil sie nicht valorisiert wird, und sie ist in den letzten Jahren nicht erhöht worden. Wir haben ein Strategiekonzept und eine "Vision 2025": Alles, was in unserer Strategie festgelegt ist, hat Priorität. Da ist auch die Digitalisierung drinnen, da wir den Anschluss an die Spitze der europäischen Nationalbibliotheken nicht verlieren dürfen.

Denken Sie daran, Gebühren für digitale Dienste einzuheben?

Das ist für uns kein Thema. Wir haben ja Gebühren, bei uns zahlt man für die Jahreskarte zehn Euro. Da kann man aber jeden Tag kommen, hat freien Internetzugang und so weiter. Meine Haltung ist, dass der Zugang zu Wissen und Information nicht frei, aber leistbar sein muss.

In der Zeitungsdigitalisierung waren Sie ja Vorreiter ...

Auch bei der Web-Archivierung waren wir in Europa unter den ersten drei Nationalbibliotheken. Wir machen das mittlerweile seit vier Jahren: Was auf der Domain "at" erscheint, wird alle zwei Jahre gesammelt. Das ist uns wichtig, denn wir hatten ja 20 Jahre Internet-Zeitalter, wo die Inhalte verloren gegangen sind. Wenn die Forschung später wissen möchte, wie dieses Land 2013 funktioniert hat, kann man das Netz nicht außer Acht lassen. Deshalb haben wir selbst für eine Änderung des Mediengesetzes gekämpft, die uns dazu verpflichtet, das österreichische Web zu archivieren.

Es gab einen Aufschrei, als Sie sagten, die ÖNB werde nur noch E-Books und nicht mehr Printausgaben von Werken, die es in beiden Versionen gibt, sammeln ...

Das war ein Vorschlag, der natürlich zu diskutieren ist. Ich glaube, es wird einen Kompromiss geben: dass wir das für Zeitungen und Zeitschriften anstreben und nicht für Bücher. Wir wollen Bücher, wenn es sie als E-Books gibt, auch elektronisch verpflichtend sammeln müssen, aber auch das physische Buch dazu, aber bei vielen Zeitungen und Zeitschriften nur mehr die digitale Version. Dass wir beides sammeln, konnten wir uns immer vorstellen, das ist nur eine Frage der Finanzierung, aber das E-Book wollen wir in jedem Fall archivieren, um späteren Generationen teure Digitalisierungsmaßnahmen zu ersparen.