Vom Einführungsvortrag über moderierte Konzerte bis zu radikal neuen Formaten: Musikvermittlung hat sich einen festen Platz im Musikbetrieb erobert. Seit März gibt es an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz die österreichweit erste Professur für Musikvermittlung. Inne hat sie die Musikwissenschafterin und Kulturmanagerin Constanze Wimmer. Im Gespräch erläutert sie, warum heute mehr Bedarf an Vermittlung besteht, was das mit dem Bildungssystem zu tun hat und warum man ideale Vermittlung nicht merkt.

"Wiener Zeitung":Warum kommt Pop ohne Vermittlung aus, Klassik aber offenbar immer weniger?

Constanze Wimmer: Pop war immer schon Teil der Jugendkultur und wächst mittlerweile mit dem Publikum mit. Klassik hat diese identitätsstiftende Bedeutung nur für ein relativ kleines Segment. Oft fehlt das direkte Verhältnis zu den Zuhörern, da gibt es einen Gap.

Ist klassische Musik also ohne Vermittlung nicht mehr lebensfähig?

Nein, die Musik braucht keine Vermittlung, aber der Konzertbetrieb braucht neue Aufführungsformate und Beziehungsstifter zwischen Publikum und Bühne. Nur dadurch kann Musik für ein breiteres Publikum gesellschaftlich relevant bleiben. Vermittlung will einen Raum schaffen, damit das, was auf der Bühne stattfindet, auch für Neulinge bedeutungsvoll werden kann. Das geschieht am nachhaltigsten, indem man Beziehungen zwischen Musikern und Hörern stiftet. Das kann auf verschiedene Weise stattfinden. Über Veranstalter, die entsprechende Rahmenbedingungen bauen, oder über einzelne Menschen oder über dramaturgische Ideen.

Seit wann braucht es diese Stifter?

Es hat sie immer gegeben. Klassische Musik war immer elitär und nie so unmittelbar, wie in unserer Vorstellung. Nur waren die Figuren andere - der Dramaturg, der Cafetier, der in seinem Lokal Konzerte veranstaltete, Journalisten. Es hat immer Menschen gegeben, die Beziehungen hergestellt haben. Diese Szene hat sich mehr ausdifferenziert und ab den 90er Jahren einen pädagogischen Einschlag erfahren, seit auch im Bildungsbürgertum klassische Musikausbildung weniger Relevanz hat. Dazu kommt, dass heutige Eliten ganz andere Prioritäten haben. Da zählen Sport und Fitness wesentlich mehr als Kunst. Das alles sind Gründe, warum Veranstalter heute neues Publikum suchen und gleichzeitig findet eine Demokratisierung des Konzertbetriebes statt.