Die Wiener Linien wollten in und unter diesem Haus an der Ecke zur Herminengasse die Treppen und Lifts zur U2-Station Schottenring sowie einen Zugang unter der Fahrbahn zum tiefer liegenden "Vorkai" - einem künftigen Vergnügungsstreifen - unterbringen. Im Jahr 1999 wurde der Baubeginn für die Strecke Schottenring-Stadion für das Jahr 2002 angekündigt. Im Juni 2003 folgte der erste Spatenstich.

Enteignung der Mieter

2004 kaufte die Wiener Bauträger-GmbH Consentia die Liegenschaft von einem anderen Bauunternehmer, der sie erst 2001 übernommen hat. Die U-Bahn-Bauer veröffentlichten 2003/04 ihre Detailzeichnungen zum U-Bahn-Zugang Herminengasse. Damit war der Segen des Magistrats für den Abbruch und die "Verwertung" mit einem Neubau noch deutlicher vorgezeichnet. Mitkalkuliert war auch die Vertreibung der letzten Mieter ("Bestandfreimachung") durch eine Enteignung wegen öffentlichen Interesses - was billiger kommt, als ihnen akzeptable Ersatzwohnungen anzubieten.

Hätte die Stadt Wien 2004 selber das ganze Haus erworben, wäre sie heute nicht blamiert. Im März 2005 wurde der "Sonja"-Tunnel (benannt nach der Patin Sonja Wehsely) angestochen - die Verbindung unter dem Donaukanal in die Donaustraße. Aber es fehlten die Verträge mit dem Hauseigentümer, bei dem der Tunnel enden sollte. Zulange wurde von den Beamten taktiert, und zuletzt ist der Stadt die Zeit davongelaufen und der Deal geplatzt.

Die Wiener Linien mussten sich mit ihrem Ausgang Herminengasse in die Fahrbahn zwängen. Der patzigen Steinverkleidung sieht man an, dass sie nicht mit dem sonstigen Stationendesign abgestimmt ist. Das sensible Umfeld von Otto Wagners "Schützenhaus" ist überdies durch einen Beton-Tubus gestört, durch den Luft in den Untergrund gesogen wird. Jetzt kann man nur mehr auf einen ordentlichen Neubau hoffen.

Der Donaukanal war in den letzten Kriegstagen 1945 eine Frontlinie zwischen der Roten Armee (die vom Westen her anrückte!) und SS-Verbänden. An den beiden Kais blieb wenig alte Bausubstanz erhalten. Neubauten prägten in grauem Durcheinander aus allen Dezennien die links- und rechtsufrige Kai-Line. Seit zehn Jahren wird am Donaukanal optisch aufgerüstet. Raiffeisen und die OPEC leisteten sich ein bescheidenes Face-liftig, Hans Hollein baute für die Fellner-Brüder den "News"-Tower, Dieter Henke und Marta Schreieck setzten der Zürich-Versicherung ihren "K 47"-Kubus auf das Dach des Neubaus, dem der 1911 vollendete "Kai-Palast" weichen musste. Fritz Neumann gelang das bisherige Glanzstück am Donaukanal, der UNIQA-Tower. Jean Nouvel verbaut derzeit den Platz, von dem die Bundesländer-Versicherung gewichen ist.

Für die Planung von Fritz Neumann an der Oberen Donaustraße 61 will die Consentia-GmbH noch keine konkrete Nutzung angeben. Wohnungen, Büros, ein Hotel? Die spürbaren Krisenzeichen machen die Entscheidung schwierig, heißt es. Die Hülle aber steht fest, doch nur innerhalb der vom Magistrat vorgegebenen Höhenlinien, denn Neumanns Dachaufsatz, in Korrespondenz zu "K 47", wurde nicht genehmigt. Weil dieser Akzent fehlen wird, setzt sich die Linie der belanglosen Nachbarschaft ohne Störung fort. Die für den Gesamteindruck entscheidende Fassade soll aus doppelwandigen Glaslamellen gefügt werden und damit ein Spiel mit dem sich außen und innen verändernden Licht in Gang bringen.

Doch nicht so bald! Noch immer prozessieren Stadt Wien und Consentia um Entschädigungen, denn die U-Bahn-Trasse quert auch das ganze Grundstück. Gutachter und Gegengutachter beziffern statische Dauerschäden und die Wertminderung, da wegen der U-Bahn nicht die vorgeschriebene Zahl von Tiefgaragenplätzen gebaut werden können. Weil Bewegung in den Untergrund kam, muss seine Beruhigung abgewartet werden. Darum wird vorerst Gras über die Abbruchnarben wachsen und ein gutes alten Haus vergessen werden. Nur die Autofahrer fluchen über die Schikane im einst geraden Straßenlauf.