Welche Rolle kann die bildende Kunst einnehmen, wenn es um die Auseinandersetzung mit komplexen, abgeschlossenen und undurchdringlichen Systemen wie Wirtschaft, Medien und Forschung geht?

Reverse Engineering versteht Künstler als Forscher, die Technologien umdeuten. Sylvia Eckermann "Crystal Math", 2012. - © Sylvia Eckermann
Reverse Engineering versteht Künstler als Forscher, die Technologien umdeuten. Sylvia Eckermann "Crystal Math", 2012. - © Sylvia Eckermann

Die Kunst könnte sich unvoreingenommen diesen Systemen annähern, sie dokumentieren und sezieren, um sie transparent zu machen und letztlich im kreativen Schaffensprozess zu kritisieren oder - mit den Mitteln der Ironie - zu entfremden und in einen anderen kulturellen Kontext stellen.

Diesen Prozess des sogenannten "Reverse Engineering" hat die Künstlerin und Kuratorin Judith Fegerl zum Konzept der gleichlautenden Ausstellung gemacht und mit 19 nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern eine Präsentation zusammengestellt, die sich dem Thema von verschiedenen Seiten nähert.

In der beeindruckenden Installation "Crystal Math" von Sylvia Eckermann wird ein Video auf ein aus tausenden Metern Nylondraht geknüpftes Spinnennetz projiziert, in dem ein Schauspieler, einem Orakel gleich, einen Text über die kaum nachvollziehbaren Netzwerke der Machtzentren der Finanzwelt spricht.

Kunst via Joystick


Das Künstlerduo Claudia Larcher und Leo Peschta hat für das interaktive Objekt "clar900" einen Spielautomaten umgemodelt. Nun liegt es an der Künstlerin, die auf dem Bildschirm in einem Video zu sehen ist, die Züge des Spiels "Snake", die der Besucher mit einem Joystick ausführt, eigenhändig mit einem Stift nachzuzeichnen. Die Künstlerin macht sich anscheinend zum menschlichen Bestandteil der Computertechnologie. Anscheinend, denn einem individuellen Algorithmus folgend, verschwindet die "Humaneinheit" immer wieder vom Bildschirm.

Komplexe Thematik


Auf eine empirische Nachforschung begibt sich Ulrike Gabriel in ihrer Arbeit "trash hits". Sie hat in den Jahren 2009 und 2010 einen Abfalleimer in einer deutschen Fußgängerzone per Webcam aufgenommen. Das Video vermittelt sehr eindrücklich und von statistischen Zahlen untermauert prägnante Verhaltensänderungen in der Bevölkerung. Lag zum Beispiel die Quote von Personen, die etwas aus dem Abfalleimer entnahmen, am Anfang der Beobachtung bei eins zu zehn - das heißt zehn Personen warfen etwas weg, eine Person entnahm etwas -, lag die Quote am Ende der Untersuchung, mit dem gleichzeitigen Voranschreiten der globalen Wirtschaftskrise, bereits bei eins zu drei.

Mit "Reverse Engineering" ist es Judith Fegerl gelungen, eine schlüssige und vielschichtige Ausstellung umzusetzen, die die komplexe Thematik sehr stringent greifbar macht.