Wien. Österreich ist für vieles bekannt. Für seine wunderschönen Wander- und Skigebiete zum Beispiel, für seinen Wein und für diverse kulinarische Köstlichkeiten. Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert garantieren der Hauptstadt Wien bis heute den Ruf als "Musikweltstadt". Wer Wien sagt, meint zudem Sigmund Freud, meint Arthur Schnitzler und den Wiener Jugendstil. All das lässt Österreich, lässt Wien in den Augen vieler auf charmante Weise gestrig erscheinen. Selbst die in den letzten Jahren etablierten, überregional anerkannten Musiklabels der Marke "Made in Austria", die jüngsten, über die Landesgrenzen hinaus bekannten literarischen Erzeugnisse der Alpenrepublik sowie die hier lebenden international renommierten Gegenwartskünstler vermögen nur wenig an diesem Image zu rütteln.

Gretchenfrage des Designs: "Brauchen wir noch einen weiteren Stuhl?" - © Silvio Teixeira/Christof Nardin
Gretchenfrage des Designs: "Brauchen wir noch einen weiteren Stuhl?" - © Silvio Teixeira/Christof Nardin

Und in Sachen Design? Große Ikonen stammen aus Italien und Skandinavien, arbeiten in Hong Kong oder New York. Auf der Landkarte zeitgenössischen Produktdesigns glauben manche den Ort, an dem einst Thonet, Hoffmann und Loos ihre Ideen verwirklichten, nicht mehr ausmachen zu können. Spätestens seit der 2008 erschienenen Studie "Global Design Watch" stellt sich die Situation aber anders dar. Österreich ist dieser zufolge ein Designland und rangiert im Hinblick auf Wirtschafts- und Arbeitsmarktsituation, Ausbildungsmöglichkeiten, technologische Leistungsfähigkeit und Förderpolitik sogar auf Platz sechs.

Lokale Weltenbürger

Diese Entwicklung verdankt sich der qualitativ hochstehenden Produktionskultur von Traditionsunternehmen ebenso wie der im steten Wachstum befindlichen Jungdesignerszene. Die Allianz von Tradition und Innovation auf ein öffentliches Podest zu heben, gab 2007 schließlich die Initialzündung zur Gründung jenes Designfestivals, das nun bereits in seine sechste Runde geht.

Die Vienna Design Week versteht sich dabei nicht nur als Präsentations- und Aktionsplattform heimischer Protagonisten. "International, aber lokal verortet", lautet ein Statement der Initiatorinnen Tulga Beyerle und Lilli Hollein. Im globalen Dorf des WWW wird ohnehin jeder zum Weltenbürger. Warum also nicht Anregungen von außen in die Donaumetropole holen, zumindest für die Dauer einer Design Week, die sich über zehn Tage erstreckt.

Mehr als 80 Veranstaltungen an 55 Orten stehen heuer auf dem Programm. Als Orientierung im Dickicht des Eventdschungels haben die Festivalleiterinnen auch für die diesjährige Ausgabe diverse Programmschienen entwickelt. Die "Passionswege" etwa, die schon in der Vergangenheit das Herzstück der Vienna Design Week bildeten. Heimische und internationale Designer werden dabei mit Wiener Produzenten und Geschäftstreibenden zusammengespannt, um ein Produkt oder Projekt zu entwickeln. Im Idealfall resultieren daraus nachhaltige Kooperationen. In der Wiener Silber Manufactur zum Beispiel wird die Französin Charlotte Talbot zeigen, dass Tafelsilber alles andere als ein Relikt aus vergangenen Tagen ist. Gespannt darf man auch auf das Projekt von Matylda Krzykowski aus Polen sein. In der Norbert Meier Bürsten- und Pinselerzeugung wird sie einen experimentellen, mehr künstlerischen Zugang zu einem Handwerk entwickeln, von dem man gar nicht mehr wusste, dass es noch existiert. Und wer hätte gedacht, dass die Expeditionen junger Designer sogar in das für gewöhnlich designresistente Ambiente einer Metzgerei führen können: Bei Karl Sterkl Fleischwaren in der Brunnengasse fragt sich das österreichische Duo March Gut, welchen Beitrag zeitgenössisches Produktdesign in Bezug auf Wurst und Co. leisten kann.

Insgesamt erfordert die Komplexität gegenwärtigen Lebens jedoch mehr denn je, dass Design über das Gestalten von Dingen hinausgeht. Der recht vage Begriff "Social Design" hat sich in den Debatten über die Funktion der verschiedenen Designdisziplinen in Hinblick auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen etabliert. Grob gesagt, geht es dabei um gute Ideen für gute Taten, sei es im Bereich ökologischer Nachhaltigkeit, in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Migration, Entwicklungshilfe und sämtlichen anderen Prozessen, welche die Verbesserung von Lebenssituationen vor Augen haben. In diesem Sinn ruft die Vienna Design Week heuer an fünf Standorten unter dem Motto "Stadtarbeit" das Publikum zur Selbstaktivierung auf.

Im Rahmen von Lena Goldsteiners "Theater of Destruction" etwa, wo Altes in Neues verwandelt wird. Glücklich, wer auf diese Weise einen kaputten Haarföhn loswird und mit einem funktionierenden Toaster heimgeht (Das Gschwander, 17. Bezirk). Vom Nachhaltigkeitsgedanken ist auch die Vortragsreihe zum Thema Mobilität in den Städten geleitet. Akteure aus Design und Industrie sowie Mobilitätsexperten stellen zukunftsweisende Elektrofahrzeuge vor und werfen einen Blick auf den österreichischen Status quo.

Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Festival mit dem Gastland Spanien. Im Künstlerhaus am Karlsplatz, wo die Plattform Nude an die 400 Projekte vorstellt, bekommt man den umfassendsten Einblick in den Innovationsreichtum der Nation, die im Gegensatz zu ihren etablierten Grafikdesignern über eine noch relativ junge Produkt- und Industriedesignerszene verfügt. Im benachbarten project space der Kunsthalle Wien können die Besucher im sogenannten "Labor" verschiedene Designprozesse Schritt für Schritt miterleben, den Kreativen (nicht nur jenen aus Spanien) bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. "Pretty Ugly" wurde als Arbeitsthema hierfür erdacht, um dem Klischee von oberflächlicher Schönheit, welches das Reden über Design noch immer begleitet, entgegenzuwirken. "Ich mag es nicht hübsch, ich mag es eigenartig, verschroben, den Do-it-yourself-Geist, Folk Art, einfach, naiv, improvisiert. Ich mag das visuell Raue, Strukturen und Fehler," meint Sebastian Pataki, einer der Laboranten.