Das "Losbuch": Die zwölf "Meister", also die berühmtesten Astrologen und Astronomen, unter dem Planetenhimmel (Mittelrhein/Hessen, um 1370). Foto: ÖNB
Das "Losbuch": Die zwölf "Meister", also die berühmtesten Astrologen und Astronomen, unter dem Planetenhimmel (Mittelrhein/Hessen, um 1370). Foto: ÖNB

Wissen als Brücke

Der Wissenstransfer über alle Grenzen war - wie derzeit in der Nationalbibliothek im Bereich der Schriftkultur des Mittelalters sichtbar gemacht - ideelle Brücke zwischen den Gesellschaften. Vom gegenseitigen Respekt profitierten viele und die Beispiele der isolierten Auflehnung und Ausgrenzung vor allem des medizinischen Wissens zeigen sich als Phasen von Stagnation und Rückentwicklung.

Die Nationalbibliothek behandelt mit der Präsentation ihrer wertvollsten Handschriften den interkulturellen Dialog der "Juden, Christen und Muslime" am Beispiel der beiden Naturwissenschaften. Philosophie und Geographie sollten anfangs integriert werden, Medizin und Sternenkunde boten aber als "Thematik für Jedermann" klare Strukturierungen. Natürlich ist auch der Bestand der Handschriften in diesen Bereichen in Wien besonders gut; mit dabei, aus restauratorischen Gründen nur bis 16. Mai, auch der "Wiener Dioskurides", eine medizinische Handschrift aus Konstantinopel vor 512 mit dem phantastischen Bild der Koralle. Das in Teilen gelagerte Buch gehört seit 1997 zum Unesco Weltdokumentenerbe und war seit 1988 nicht mehr ausgestellt.

Der Arzt Dioskurides Pedanius ist neben Hippokrates von Kos und Galenos aus Pergamon entscheidend für ein mehr als tausend Jahre anhaltendes Wissen über Pflanzenkunde. Die zweite "Wiener Inkunabel" ist eine der ältesten Handschriften des Hippokrates aus dem zehnte Jahrhundert. Auch die Gifte und ihre gefährliche Magie oder die "Ultima ratio", wenn das Diäthalten und Heilkraut versagen, die Chirurgie, nehmen breiten Raum ein.

Übersetzer, Schreiber und Maler haben die Beobachtung von Schlangenbiss oder Geburten, nötige Skalpelle, Zangen oder Glüheisen von den Höfen der Omayyaden und Kalifen in Bagdad und Mosul, wo sie von Ärzten wie Avicenna im östlichen zehnte Jahrhundert noch ergänzt wurden, in der Zeit des maurischen Spanien in Toledo übertragen und somit Wissen erhalten. Daraus konnte sich die Schulmedizin entwickeln, die der Krankenpflege der Klostermedizin gegenüber stand.

Tore der Toleranz

Ein weiteres Tor der Toleranz war Sizilien, und so spielt auch Friedrich II. mit seiner wissenschaftlichen Neugier für Astronomie eine Rolle. Bis Kopernikus, der am Ende steht, ist das geozentrische Weltbild des Claudius Ptolemaios aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus gültig.

Zur zeitlichen Einteilung der heiligen Feste und der Gebetsausrichtung durfte in allen Religionen Sternenkunde nach der Antike weiter betrieben werden - aus den Göttern wird dekoratives Beiwerk oder, wie im arabischen "Almagest" auf Ptolemaio Grundlage in Täbris 1492, aus Venus "Zuhra". Auch das lateinische Mittelalter ordnet alles dem Monotheismus unter und verfeinert Messinstrumente zur Vermessung des Himmels und der Planetenbahnen, um Ostern festzulegen. Teilweise haben die Bücher drehbare Mechanismen wie flache Astrolabien, und bis zu Rudolf II. werden die Sternentafeln immer genauer, doch auch die verbotene okkulte Praxis blieb diesem Habsburger wesentlich.

Ausstellung

Juden, Christen und Muslime. Interkultureller Dialog in alten Schriften

Andreas Fingernagel (Kurator)

ÖNB Prunksaal

bis 7. November