Wien. In sauberer Tintenschrift sind die Ereignisse des November 1918 in den Kalender notiert: "3. November: Waffenstillstand in Italien Krieg zu Ende" steht hier. Oder: "9. Republik in Berlin - Wilhelm abgedankt". Unter dem 11. steht: "V. Adler †". Der Kalender, den die Library of Congress als Leihgabe zur Verfügung stellte, gehörte keinem Geringeren als Sigmund Freud, damals in Wien Zeitzeuge, als sich die Ereignisse überschlugen. Und Freud schrieb sie in den Kalender wie ein Tagebuch. Es sind diese raren Momente, in denen Geschichte greifbar wird, wie etwa 1918, 1956 oder auch 1989. Erst im Blick zurück erkennen wir die Bedeutung der Ereignisse, wie im Falle des hochkarätigen Ausstellungsstücks, das ab Samstag im neu eröffneten "Haus der Geschichte Österreich" in der Hofburg auch der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Es ist ein etwas anderer Blick auf die Geschichte Österreichs, den dieses Haus (das im Wesentlichen ein Halbstock mit drei großen Ausstellungsräumen ist) hier bietet. Ein Museum im herkömmlichen Sinne wurde in den eineinhalb Jahren seit der Bestellung von Gründungsdirektorin Monika Sommer im Februar 2017 nicht aufgebaut. Vielmehr hat man sich auf Geschichtsvermittlung mit allen Sinnen spezialisiert - immer mit dem Fokus auf die Republik Österreich, die dieser Tage ihr hundertjähriges Bestehen feiert.

Leihgabe aus den USA: Sigmund Freuds Kalender aus 1918. - © Klaus Pichler/HDGÖ
Leihgabe aus den USA: Sigmund Freuds Kalender aus 1918. - © Klaus Pichler/HDGÖ

Und so darf hier ruhig eine gewisse "Hands-on"-Mentalität an den Tag gelegt werden, wenn man etwa Fotos aus den Sechzigern durchblättert, Schautafelen neu arrangiert oder Straßennamen durch Umdrehen von Schildern selbst ändern kann. So wird aus dem Wiener Kaiserplatz der heutige Engelsplatz. An anderer Stelle dürfen Post-its beschriftet und an die Wand gepickt werden. Etwa zur Frage: "Wofür lohnt es sich, zu kämpfen?" Man kann sich die fröhlich vor sich hin brainstormenden Drittklässler schon fast bildlich vorstellen.

Artefakte bis oben hin. - © Hertha Hurnaus
Artefakte bis oben hin. - © Hertha Hurnaus

Auch die zu Hause Gebliebenen sollen und dürfen sich einbringen. So können etwa auf der Webseite Bilder aus der privaten Bildersammlung hochgeladen werden, die dann in der Schau auf einem mit Touchscreens ausgelegten Arbeitstisch sortiert, gruppiert und bewertet werden können. Überhaupt fällt auf, dass es viel um private Bilder geht in dieser ersten großen Ausstellung zur Eröffnung. Das soll wohl die unmittelbare Auswirkung der Geschichte zeigen. Es tut gut, dass hier die Historie einmal von der anderen Seite, sozusagen der User-Seite, aufgezäumt wird.

Apropos aufgezäumt. Auch die politischen Kontroversen nehmen hier breiten Raum ein, wenn etwa das hölzerne Pferd, das als Skulptur gewordener Protest gegen Kurt Waldheim in den Achtzigerjahren von Alfred Hrdlicka und Freunden zusammengezimmert wurde, sozusagen das raumgreifende Herz eines der Säle ist. Ob das auch nach Jahrzehnten immer noch provozieren kann, wird sich in den kommenden Monaten im Feldversuch weisen. Die Zeit des Nationalsozialismus nimmt, wohl auch aufgrund der mit nur 750 Quadratmetern doch wenigen vorhandenen Fläche, in Summe überraschend wenig Raum ein. Die Restitution von Raubkunst, immerhin ein maßgebliches Thema der vergangenen Jahre, wird fast verschämt gerade einmal gestreift.