Frau M. - © Pichler/Wien Musum
Frau M. - © Pichler/Wien Musum

Wien. Mit Lagern kennt sich Herr B. gut aus. Immerhin hat der stämmige Mann 25 Jahre lang in diversen Lagern gearbeitet. Harte, manuelle Arbeit, die niemand sonst machen wollte. Aber der Mann mit Migrationshintergrund biss in den sauren Apfel und packte an. Eine Scheidung, finanzielle Probleme und die übliche Abwärtsspirale später ist er nun in einem Lager der Caritas angekommen. Dort steht er vor vier Kisten. Deren Inhalt: sein Leben. Also alles, was in seinem winzigen Zimmer im Männerwohnheim keinen Platz hatte. Mehr als die Kisten besitzt Herr B. nicht mehr. Das Leben hat es nicht gut mit ihm gemeint.

Herr B. ist einer der Protagonisten der neuen Ausstellung des Wien Museums im Museum auf Abruf (MUSA). "Wo Dinge wohnen" heißt die Schau und beschäftigt sich mit einem relativ neuen Phänomen der Stadtkultur: der Lagerung überzähliger Gegenstände im "Selfstorage". Das sind überall in der Stadt aufpoppende Lagerräume, die man in verschiedenen Größen anmieten kann, um alles zu lagern, was sonst keinen Platz mehr hat, aber auch zu schade zum Wegwerfen ist. Wie geht es also zu hinter der Vielfalt an Schlössern, das einzige individuelle Teil, das man von außen sieht - denn die Mieter bringen es selbst mit. Hineinsehen in die Boxen (von winzig bis zur üppigen Garage) kann man ja nicht.

Das einzige Stück Individualität, das man von außen sieht: das Schloss. - © Baumgartner
Das einzige Stück Individualität, das man von außen sieht: das Schloss. - © Baumgartner

Daher hat das mittlerweile für den Umbau geschlossene Wien Museum in einer ersten Schau im MUSA ein passendes Thema gewählt: die Lagerung und den Umgang mit den Dingen. "Ein bisschen NoNa", scherzt Direktor Matti Bunzl. Immerhin musste das Wien Museum selbst sein ganzes Haus in ein Lager verfrachten. Selfstorage habe man nicht angemietet, sagt er auf Nachfrage. Das Lager in Himberg reiche. "Im Unterschied zu unseren Protagonisten dürfen wir aber natürlich nichts wegwerfen." Alles wird aufgehoben.

Blechästhetik

Den überschaubaren Raum hat man im MUSA ganz im Stil der Selfstorage-Ästhetik hergerichtet: Weiße, gewellte Blechabtrennungen kreieren kleine Boxen, in denen jeweils ausgesuchte Stücke aus den Lagern zu besichtigen sind. Da ist etwa das Lager eines Pianisten, das voller Audio-Aufnahmen und Noten aller Art ist. Sein Credo: Lebe stets so, dass Du theoretisch alles in zwei Koffer packen und sofort abreisen kannst. Alles andere bleibt im Lager zurück und wartet geduldig auf die Heimkehr seines Besitzers. Das Lager als Wiener Homebase, sozusagen.

10.000 Dinge besitzen die Wienerinnen und Wiener im Schnitt. Eine wahre Flut an Gegenständen, die so manchem über den Kopf zu wachsen droht. Dass das "Sich-nicht-trennen-können" und damit die Überforderung auch zur psychischen und physischen Belastung werden kann, wird sehr schnell klar. Um das zu illustrieren hat man die nackten Zahlen recherchiert und an die Wände geschrieben: So hat sich die durchschnittliche Wohnfläche pro Person von 31 Quadratmetern 1981 auf 34 Quadratmetern im Jahr 2018 nur minimal verändert. Dafür sind die Kosten explodiert: Konnte man 2000 einen Quadratmeter noch im Schnitt für 1635 Euro kaufen, musste man 2017 schon 3598 Euro auf den Tisch legen - auch die Mieten stiegen in der Folge rasant. Klar, dass unter diesen Vorgaben so mancher im Downsizing den wirtschaftlichen Ausweg sieht. Es ist kein Wunder, dass TV-Serien wie jene der japanischen Aufräum-Expertin Marie Kondo, die Tipps für das optimale Ausnützen der vorhandenen Lagerfläche gibt, sich zum Knüller entwickelt haben. "Decluttering" heißt der neue Trend - nur behalten, was einem Freude bringt. Alles andere soll weg.