Das "Erste österreichische Museum für Alltagsgeschichte" in Neupölla ist eine interessante Institution, die einen Tagesausflug ins Waldviertel mehr als gerechtfertigt erscheinen lässt. Gegründet wurde das Museum 1997 von dem Wiener Kulturhistoriker Friedrich Polleroß, der in der Gemeinde Neupölla geboren wurde und aufgewachsen ist.

In der Dauerausstellung werden Streiflichter durch den Alltag der vergangenen 300 Jahre in der Region zwischen Zwettl und Horn geboten. Recht pointiert wird etwa das karge Dasein der Bauern dem luxuriösen Leben der Landadeligen gegenübergestellt. Ein Kapitel der Ausstellung widmet sich dem "Kochen und Essen" in alter Zeit, und ein eigener Abschnitt thematisiert die unterschiedlichen Formen häuslicher Beleuchtung von anno dazumal. Einfühlsam ist auch der Bereich Arbeit und Wohnen umgesetzt. Polleroß, der unter anderem mit Forschungen zum Antisemitismus im Waldviertel hervorgetreten ist, hat im Museum auch die Schattenseiten der jüngeren Heimatgeschichte nicht ausgespart.

Herrschaftliche Großwildjäger

Die heurige Sonderausstellung des Museums handelt von Waldviertlern, die in den vergangenen 120 Jahren in Afrika, Asien und Mittelamerika mit Gewehren und Fotoapparaten hinter wilden Tieren her gewesen sind. Gezeigt werden rund 60 Präparate exotischer Tierarten vom kleinen Springbock bis hin zu stattlichen Großkatzen, Krokodilen und Büffeln.

Wildtier-Präparate in der aktuellen Ausstellung in Neupölla. - © Friedrich Polleroß
Wildtier-Präparate in der aktuellen Ausstellung in Neupölla. - © Friedrich Polleroß

Die historische Dimension von Großwildjagden um 1900 wird am Beispiel der Waldviertler Herrschaftsbesitzer Ernst Karl Graf Hoyos-Sprinzenstein und Franz Graf Thurn-Valassina mit Hilfe von alten Fotoaufnahmen veranschaulicht. Hinzu kommen Bilder und ein Film von Personen aus Neupölla, die in den vergangenen Jahrzehnten Fotosafaris unternommen hatten.

Der im Fenster des Museums abgelichtete Leopard steht mit dem Waldviertel in spezieller Weise in Verbindung. Ein Schausteller hatte das (noch lebende) Tier in den 1980er Jahren zu einem Wiener Präparator gebracht und diesen gebeten es zu schlachten und auszustopfen.

Überraschung beim Fensterln

Der Präparator, dem der gesundheitlich heruntergekommene Leopard leid tat, kaufte ihn und päppelte ihn wieder auf. Von nun an lebte die Katze zur Winterszeit in der Wohnung des Präparators und in der schöneren Jahreszeit war sie in einem Schrebergarten am Wiener Wilhelminenberg untergebracht.

Als später der Schrebergarten nicht mehr zur Verfügung stand, verbrachte der Leopard einige Jahre lang seine Sommerfrische im Waldviertler Ort Wetzlas. Dort trug es sich zu, dass ein verliebter Ortsbewohner nach alter Sitte zu seiner Angebeteten fensterln ging und bei dieser Gelegenheit vom Leoparden gebissen wurde. In Wetzlas hatte es das exotische Tier zu einiger Berühmtheit gebracht. Bis heute erzählen sich die Dorfleute allerlei Geschichten von dem gefleckten "Poldi".

Nachdem die Großkatze an Altersschwäche gestorben war, wurde sie schließlich präpariert. Ihre Schönheit ist heute in Neupölla zu bewundern.

Artikel erschienen am 16. Juni 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7