Porträt eines adeligen Fatschenkindes (Ludwig XIV. ?), Kreis von Charles Beaubrun, französische Schule, Öl auf Leinwand, 17. Jh. - © Foto: Sammlung Fundacion Yannick y Ben Jakober, Mallorca
Porträt eines adeligen Fatschenkindes (Ludwig XIV. ?), Kreis von Charles Beaubrun, französische Schule, Öl auf Leinwand, 17. Jh. - © Foto: Sammlung Fundacion Yannick y Ben Jakober, Mallorca

Wenn in vorindustrieller Zeit ein königliches Kind geboren wurde, so musste es in einer bestimmten Hinsicht dieselbe bedrückende Prozedur über sich ergehen lassen wie sie auch bei Neugeborenen aus dem bäuerlichen Stand zur Anwendung kam: Die Säuglinge wurden nach einer traditionellen Bandagierungsmethode vom Hals bis zu den Zehen fest gewickelt. Ihr Erscheinungsbild glich dann kleinen Mumien.

Freilich gab es je nach Stand gewisse Unterschiede. Das hier dargestellte Kind in Spitzenwindeln ist um einiges imposanter ausgestattet als man sich ein Wickelkind ("Fatschenkind") aus dem einfachen Volk vorstellen darf. An dem blauen Band ist ein mit wertvollen Diamanten verziertes Kreuz befestigt, der Stoff der Windeln ist von erlesener Güte. Gebettet ist das neugeborene Kind, von dem angenommen wird, dass es sich um den nachmaligen Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638 bis 1715) handeln könnte, auf ein mit Goldfäden durchwirktes Kissen.

Vom Papst geweihte Königswindeln

Wie überliefert ist, pflegte anno dazumal der Papst neugeborene Königskinder mit geweihten Windeln zu beschenken, die in jedem Fall kostbar gewesen sind und mit großem Gepränge übersendet wurden. Sollte auch der französische König Ludwig XIV. solcherart beschenkt worden sein, so erwies er sich seinem Gönner gegenüber später doch einigermaßen undankbar, zumal der Sonnenkönig die päpstliche Macht empfindlich einschränkte.

Ob die hier abgebildeten Windeln tatsächlich vom Papst kamen, muss offen bleiben. Jedenfalls wurde das enge Bandagieren der Kinder vor allem deshalb als unbedingt erforderlich erachtet, weil davon ausgegangen wurde, dass solcherart während des Wachstums Missbildungen an dem noch zarten Körper verhindert werden könnten.

In bäuerlichen Haushalten wurde das Fatschenkind nicht selten an einen Nagel gehängt. Auf diese Weise sollte verhütet werden, dass es durch die im Haus befindlichen Haustiere Schaden nehmen könnte. Andererseits brauchten sich die Eltern um das am Nagel hängende Kind nicht kümmern und konnten ihrer Arbeit nachgehen.

Die Tradition der Bandagierung von Kindern geht zumindest bis ins 6. vorchristliche Jahrhundert zurück. Einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Beibehaltung des Kinderwickelns im christlichen Abendland dürfte jene Bibelstelle gehabt haben, wo es heißt, dass das neugeborene Jesuskind in Windeln gewickelt wurde. Bildnisse und Skulpturen vom gewickelten Jesuskind gibt es sonder Zahl.

Philosophen als Wickelgegner

Laut Überlieferung des italienischen Kirchenhistorikers Baronius (1538 bis 1607) soll in der Spätantike sogar eine Kirche zu Ehren der Windeln des Jesuskindes erbaut worden sein.

Zur Zeit der Aufklärung regte sich schließlich beträchtlicher Widerstand gegen das Wickeln von Säuglingen. Erstmals wurde nun mit Nachdruck auf die schädlichen Folgen des Wickelns hingewiesen. Vor allem der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau machte sich für die Befreiung der Kinder aus ihren Bandagen stark. In ähnlicher Weise wies auch Immanuel Kant auf die Verzweiflung der Kinder in ihrer misslichen Lage hin. Obwohl enges Wickeln ab dem 19. Jahrhundert rar wurde, gab es im deutschen Sprachraum selbst noch nach dem Zweiten Weltkrieg vereinzelt Fatschenkinder.

Print-Artikel erschienen am 31. März 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7