Die österreichische Bundeshauptstadt ist derart üppig mit historischer Bausubstanz gesegnet, dass man es sich sogar leisten kann, Strafgefangene in einem Schloss unterzubringen. Ab den 1920er Jahren beherbergte das hier abgebildete ehemalige kaiserliche Lustgebäude in Wien-Simmering eine Jugendstrafanstalt, die im Volksmund schlicht "KE" (Abkürzung für "Kaiserebersdorf") genannt wurde. In Wien wurden früher verhaltensauffällige Knaben mit der Drohung "Sei brav, sonst kommst ins KE!" eingeschüchtert.

Seit 1975 ist im Schloss Kaiserebersdorf mit der Justizanstalt Simmering ein Gefängnis für Erwachsene untergebracht. Als Anfang der 1990er Jahre eine Erweiterung des Gefängnisses um einen Hochsicherheitstrakt geplant wurde, trat vor der Verbauung des Platzes vor dem Schloss die Wiener Stadtarchäologie auf den Plan. Es war zu erwarten, dass bei den Bauarbeiten die im Boden befindliche historische Bausubstanz unwiederbringlich zerstört würde.

Die in den Jahren 1994 und 1995 vorgenommenen Grabungsarbeiten sowie die hernach durchgeführten baubegleitenden Forschungen im Zuge der Umbauarbeiten an den historischen Gebäuden waren ergiebig. Zuvor war der Wissensstand hinsichtlich der Baugeschichte der ehemals bedeutenden Habsburgerresidenz ziemlich gering und vor allem wissenschaftlich nicht abgesichert gewesen. Das Forschungsprojekt erbrachte schließlich eine detaillierte Bauabfolge vom Mittelalter bis in die Gegenwart und erhellte die Geschichte dieses seit dem 12. Jahrhundert bestehenden Herrschaftssitzes.

Kaiserliche Passion für Wolfsjagden

Über die Bau- und Besitzgeschichte des Schlosses hinaus thematisiert die Ausstellung in der Volkshochschule Meidling manch interessante historische Bezüge aus dem Alltag der Bewohner des Gebäudes. So etwa ist zu erfahren, dass sich im Bereich des Schlosses ein Wolfsgarten befand, weil die Habsburger gerne Wolfsjagden veranstalteten. Aber schon unter Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) war es mit dem einstigen Glanz des Schlosses vorbei. Die resolute Monarchin ließ es in ein Armenhaus umfunktionieren. Nun gab es anstelle prächtiger Feste nur noch Tristesse. Das ist auch heute noch so.

Print-Artikel erschienen am 16. Dezember 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7