Wie kaum eine andere Stadt ist Berndorf im niederösterreichischen Triestingtal bis heute durch eine Fabrik und ihre Besitzer – die Familie Krupp – geprägt. Bis zur Ansiedlung der Berndorfer Metallwarenfabrik im Jahr 1843 waren die beiden Orte Ober- und Unterberndorf unbedeutende kleine Dörfchen gewesen. Durch den massiven Zuzug von Arbeitern wuchs die Bevölkerungszahl von ehedem 180 Einwohnern innerhalb von 90 Jahren auf 7342 Einwohner im Jahr 1920 an.

Noch heute ist Berndorf für die Herstellung von edlem Essbesteck berühmt. Einen unglaublichen Aufschwung erreichte die Berndorfer Metallwaren fabrik unter Arthur Krupp, der seit 1891 Alleineigentümer war. Aber auch Berndorf selbst erhielt unter seiner Ägide eine Prägung, die noch heute beeindruckend ist. Er beauftragte einen Stab von Architekten und Baumeistern, die nach dem Konzept des bedeutenden Architekten Ludwig Baumann (er errichtete unter anderem das Wiener Konzerthaus) planmäßig binnen kurzem das Dorf in eine Stadt verwandelten.

Günstige Kredite für die Arbeiter

Arthur Krupp gab damals in Berndorf nicht nur viele öffentliche Bauten in Auftrag, sondern er ließ für seine Arbeiter auch zahlreiche Unterkünfte auf für damalige Verhältnisse modernem hygienischem Standard bauen. Es entstanden Gartensiedlungen nach englischem Vorbild. Für die Beamten der Fabrik wurden bis zu 60 Quadratmeter große Wohnungen geschaffen, und in den Arbeiterwohnhäusern entstanden Unterkünfte in der Größenordnung zwischen 34 und 44 Quadratmeter.

Einzigartig war vor allem die Möglichkeit des Eigentumserwerbs der Wohnungen durch die Arbeiter. Die Fabrik ermöglichte dies durch günstige Kredite (mit drei bis vier Prozent Verzinsung). Die Rückzahlungsraten wurden direkt vom Lohn abgezogen.

Multifunktionale Küchen

Kaiser Franz Joseph I. zu Besuch in einer Berndorfer Arbeiterwohnung im Jahr 1899. - © Johann Werfring
Kaiser Franz Joseph I. zu Besuch in einer Berndorfer Arbeiterwohnung im Jahr 1899. - © Johann Werfring

Die in der aktuellen Sonderausstellung gezeigte Küche vermittelt einen unverfälschten Einblick in die Lebensverhältnisse der Arbeiter von anno dazumal. Weil die Küche damals auch noch andere Funktionen zu erfüllen hatte als heute, nahm sie im Gesamtverbund der Wohnung verhältnismäßig viel Raum ein. Es wurde darin nicht nur gekocht und gegessen, sondern auch die Wäsche gewaschen und die Körperpflege vorgenommen, wie anhand des ausgestellten Inventars nachzuvollziehen ist.

Ein Bild aus dem "Illustrirten Wiener Extrablatt" vom 1. Oktober 1899 zeigt Kaiser Franz Joseph I. in einer Berndorfer Arbeiterwohnung. Dem Monarchen, der am 27. September 1899 anlässlich der Eröffnung des Kaiser-Franz-Josef-Jubiläumstheaters nach Berndorf gekommen war, wurde bei dieser Gelegenheit der vorbildliche Standard der von Krupp in Auftrag gegebenen Arbeiterwohnungen vor Augen geführt.

Artikel erschienen am 23. September 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7