Das von Hubert Horky in Wien-Landstraße geführte "Kaffee Urania" ist bei Weitem kein gewöhnlicher Gastronomiebetrieb. Seit den frühen 1990er Jahren hat der passionierte Wirt eine historische Fotosammlung über den Wiener Wurstelprater und das Weißgerberviertel zusammengetragen, die als einzigartig gelten darf. Eine besondere Auswahl aus dieser Sammlung ist in den Gasträumen des für sich schon sehenswerten Alt-Wiener Kaffeehauses ausgestellt.

Zur Geschichte der für das Kaffeehaus namensgebenden Institution, der Urania, hortet Horky eine Vielzahl an Fotografien. Zum einen Teil stammen sie aus staatlichen und städtischen Bildarchiven, zum anderen Teil handelt es sich um rare Postkarten und Privatfotos, die kaum woanders aufzutreiben sind.

Die verschwundene Weltkugel

Max Fabiani, der Architekt der 1910 eröffneten Urania, hat den für Zwecke der Volksbildung geschaffenen Bau mit seiner monumentalen ovalen Schauseite wie ein mächtiges Schiff am Ufer des Donaukanals platziert. Obgleich der Otto-Wagner-Schüler Fabiani zuvor in Wien auch schon als Vertreter einer radikalen Moderne in Erscheinung getreten war – etwa mit der Errichtung des Artaria-Gebäudes am Kohlmarkt Nr. 9 (fertiggestellt 1902) – wählte er für die Urania eine historisierende Form. Wegen der neobarocken Ausrichtung der Außenerscheinung wurde diese häufig als "baroccus fabiensis" bezeichnet.

Das hier abgebildete Schwarz-Weiß-Foto zeigt den ursprünglichen Zustand der Wiener Urania. Bei Betrachtung der farbigen Postkarte aus der Nachkriegszeit könnte man auf die Idee verfallen, dass die fehlenden Zierelemente eine Folge der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg gewesen sind.

Indes macht eine weitere Fotografie aus der "Sammlung Horky" deutlich, dass der Globus an der Stirnseite des Gebäudes und die Obelisken an der  Dachbalustrade zumindest schon in der ersten Hälfte der 1930er Jahre abgenommen wurden. Der heute noch vorhandene Vorbau wurde der Urania nämlich im Jahr 1935 hinzugefügt. Auf dem gegenständlichen Gebäudefoto mit fehlender Weltkugel und abmontierten Obelisken ist die Urania noch im alten Zustand ohne Vorbau zu sehen. Ganz offensichtlich war in der Zwischenkriegszeit das nötige Kleingeld für die Restaurierung dieses Zierrats nicht vorhanden gewesen, weshalb er kurzerhand entfernt worden war.

In den Jahren 2000 bis 2003 wurde die Urania restauriert und umgebaut. Das Umbaukonzept sah unter anderem – soweit möglich – eine Rekonstruktion des Hauptgebäudes aus dem Jahr 1910 vor. Die Obelisken wurden nun wieder hinzugefügt, ebenso bekam die Urania neuerlich einen bekrönenden Globus. Vergleicht man indes die alten Fotos aus der "Sammlung Horky" mit dem heutigen Zustand, so wird klar, dass der nunmehr weiße Globus, wie auch dessen quadratischer Unterbau, völlig unpassend sind. Insofern wäre es – im Hinblick auf künftige Restaurierungen – hochinteressant zu erkunden, ob sich der alte Globus noch in irgendeinem städtischen Depot auffinden lässt.

Print-Artikel erschienen am 28. Juli 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7