Der erste serienmäßig hergestellte Globus mit hebräischer Beschriftung (um 1925). Der Globus wurde verlegt von A. G. Syrkin Lehrmittel-Verlag, Berlin. - © Foto: Johann Werfring
Der erste serienmäßig hergestellte Globus mit hebräischer Beschriftung (um 1925). Der Globus wurde verlegt von A. G. Syrkin Lehrmittel-Verlag, Berlin. - © Foto: Johann Werfring

Jan Mokre, der Direktor des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek, staunte nicht schlecht, als vor etlichen Jahren ein Mann mit einer hebräisch beschrifteten Weltkugel bei ihm auftauchte. Das seltene Stück war wohl bei einer Wohnungsräumung in den Besitz eines Altwarenhändlers übergegangen, der es an ein Antiquariat verkaufte. Zunächst hatte der stark beschädigte Globus einen jämmerlichen Anblick geboten. Als unter dem deutsch beschrifteten Kartenbild noch ein hebräisches zum Vorschein kam, begann die Sache interessant zu werden (das Überkleben von bereits produzierten Globen war anno dazumal aus kalkulatorischen Gründen keine Seltenheit gewesen).

Wie sich bald darauf herausstellte, handelte es sich um den weltweit ersten serienmäßig hergestellten Globus mit hebräischer Beschriftung. Sogleich erwarb Mokre das rare Stück für die ihm unterstellte Sammlung. Heute sind weltweit lediglich zwei Exponate aus dieser Serie bekannt – der zweite Globus befindet sich in Tel Aviv.

Ein Globuspionier als Feldrabbiner

Der hebräische Globus ist mit einem Stück Wiener Geschichte verbunden: Die Beschriftung stammt von Abraham Jacob Brawer (1884 bis 1975), der 1902 von Galizien in die kaiserliche Residenzstadt übersiedelt war, um Geografie zu studieren und nebenher ein Rabbinerseminar zu besuchen. Im Jahr 1909 hatte er als erster Jude in Wien das Geografiestudium absolviert.

1910 ging er nach Jerusalem und lehrte dort Geografie. Im Ersten Weltkrieg kam er zurück, trat in die k.u.k. Armee ein und wirkte als eine Art Feldrabbiner. Nach dem Krieg emigrierte er nach Palästina, wo er wieder als Geograf tätig war. Den Kontakt zum Geographischen Institut der Universität Wien hielt er weiterhin aufrecht.

1922 fertigte er für den Leipziger kartographischen Verlag Wagner & Debes eine hebräische Beschriftung für einen Erdglobus an. Als Grundlage verwendete er die deutsch beschriftete Globuskarte des Verlages. Da Hebräisch zu jener Zeit als eine rein historische Sprache galt und im Zuge der zionistischen Bewegung erst nach und nach wieder als Verkehrssprache adaptiert werden musste, war die Übertragung der geografischen Bezeichnungen keine einfache Sache, zumal damals zahlreiche topografische Bezeichnungen im Hebräischen nicht existierten. Brawer löste das Problem, indem er Listen der kartografischen Spezialbegriffe und der Ortsnamen erstellte, von denen er eine Auswahl traf und diese Auswahl ins Hebräische transliterierte. Die aufwendige Lösung dieser Aufgabe war eine Pionierleistung ersten Ranges.

Retter des Wiener Hölzel-Verlages

Mittlerweile hat das Wiener Globusmuseum den Kontakt zu dem heute 92-jährigen Prof. Moshe Brawer, dem Sohn des jüdischen Globuspioniers, hergestellt. Jener war 1920 mit seinen Eltern nach Palästina emigriert. Ab 1938 wollte er, wie schon der Vater, in Wien Geografie studieren. Wegen des Anschlusses Österreichs an Hitler-Deutschland wich er jedoch nach London aus und kehrte hernach von dort nach Palästina zurück. 1945 kam Moshe Brawer mit der britischen Armee als Berichterstatter für mehrere Zeitungen in Palästina nach Wien, wo er den damaligen Chef des Geographischen Institutes und Verlag Ed. Hölzel, Hugo Eckelt, kennenlernte und mit diesem die Produktion eines Schulatlas in hebräischer Sprache vereinbarte.

Da die Firma Hölzel nach dem Krieg nicht liquid war und das Bankenwesen nicht funktionierte, sorgte Moshe Brawer aufgrund privater Beziehungen für die Bereitstellung der entsprechenden Mittel. Angeblich sicherte diese Aktion dem Traditionsverlag Hölzel in der schwierigen Nachkriegszeit das wirtschaftliche Überleben.

Globenmuseum
1010 Wien Herrengasse 9
Di bis So 10–18 Uhr, Do bis 21 Uhr
Tel. (01) 534 10/710
www.onb.at/globenmuseum.htm

Artikel erschienen am 18. August 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7