Der 27. April 1879 ging in die Annalen der Stadt Wien als besonderer Festtag ein. Beim äußeren Burgtor stand an jenem Tag ein hoch aufragendes Kaiserzelt, vor dem das österreichische Herrscherpaar Franz Joseph I. und Elisabeth die Huldigung des Volkes anlässlich dessen silberner Hochzeit entgegenzunehmen geruhte. Das Festzelt hatte der Architekt Otto Wagner entworfen, links und rechts davon war für die Allervornehmsten unter den Schaulustigen eine imposante Tribüne aufgerichtet.

Als um 11 Uhr der Kaiser mit seiner Gemahlin am Arm erschien, ertönten vielstimmige Hochrufe. Wenig später setzte der von dem Wiener Künstler Hans Makart über die Ringstraße inszenierte Festzug ein, an dem sich etwa 14.000 Personen beteiligten. Rund 300.000 Zuschauer bestaunten den vom Prater ausgehenden Umzug.

Makart hatte den Aufmarsch bis ins kleinste Detail geplant. In nur wenigen Wochen schuf er 35 hochkarätige Ölskizzen in einer Länge von 100 Metern, die dem Festzug als Vorlage dienten. So gut wie alle bürgerlichen Berufsstände wirkten am Umzug mit. Für die Protagonisten wurden edelste Kostüme im Stile der Renaissancezeit und des Frühbarock entworfen und angefertigt.

Bereits um 9 Uhr war die erste Formation, bestehend aus Studenten, vom Prater aus aufgebrochen. Ein lustvolles Schaudern ging durch die Zuschauermenge, als sich mehrere Tausend Studenten mit ununterbrochenen "Hurrah"-Rufen auf sie zu bewegten.

Festplatz mit Kaiserzelt vor dem Äußeren Burgtor beim Makart-Festzug am 27. April 1879. - © Foto: Atelier Weingartshofer / ÖNB
Festplatz mit Kaiserzelt vor dem Äußeren Burgtor beim Makart-Festzug am 27. April 1879. - © Foto: Atelier Weingartshofer / ÖNB

Das besondere Interesse des Publikums galt indes den nachfolgenden Berufsständen in alter Kostümierung. Die Epoche des Historismus befand sich zu jener Zeit auf dem Höhepunkt. Niemals zuvor und niemals danach herrschte im Volk eine Begeisterung für Geschichte wie damals, wodurch ein derart groß angelegtes Historienspektakel erst ermöglicht wurde.

Goldschmiede, Wagenbauer, Buchdrucker, Drechsler, Tischler, Graveure und Vertreter allerlei nur denkbarer Berufe defilierten mit ihren aufgeputzten Wägen am Monarchenpaar vorbei. Das hier abgebildete Gefährt der Zuckerbäcker mit der riesigen Mehlspeise obendrauf wirkt im Nachhinein betrachtet wie ein Fanal, wird der Gugelhupf doch bis heute in recht spezieller Weise mit Kaiser Franz Joseph I. in Verbindung gebracht (etliche Jahre nach dem Makart-Festzug machte er Bekanntschaft mit Katharina Schratt, die ihn frühmorgens angeblich immer liebevoll mit Gugelhupf bewirtete).

Das Wien Museum kann in der Ausstellung unter anderem mit einer Anzahl von Skizzen und originalen Kostümen sowie sonstigen Festzugsrelikten aus eigenen Beständen aufwarten.

Artikel erschienen am 6. Oktober 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7