Spottbild auf die Verlierer ("Schneider") eines Preisschießens, 1826 (oberhalb des Bildes befinden sich Zielscheiben mit aufgemalten Schneiderscheren). - © Foto: Johann Werfring
Spottbild auf die Verlierer ("Schneider") eines Preisschießens, 1826 (oberhalb des Bildes befinden sich Zielscheiben mit aufgemalten Schneiderscheren). - © Foto: Johann Werfring

In der im Jahr 1865 erstveröffentlichten Lausbubengeschichte "Max und Moritz" von Wilhelm Busch gerät im dritten Streich der Schneidermeister Böck in arge Not. Im Wesentlichen besteht der Streich darin, dass Böck mit dem Ruf "He, heraus! Du Ziegen-Böck! Schneider, Schneider, meck, meck, meck!" aus dem Haus gelockt wird, ins kalte Wasser plumpst und sich wegen seiner Schmächtigkeit nur schwer davon erholen kann.

Busch knüpft mit dieser Geschichte an alte Vorstellungsmuster an. Nachdem sich im Mittelalter ein Schneiderhandwerk herausgebildet hatte, geriet dieses zunehmend in Verruf. Ehedem oblag das Nähen der Kleidung einzig und allein den Frauen. Als sich nun vermehrt Männer dieser Tätigkeit widmeten, wurden sie jahrhundertelang als "weibisch" in Verruf gebracht.

Der von Wilhelm Busch gewählte Name "Böck" spielt darauf an, dass die Schneider von alters her mit dem Ziegenbock in Verbindung gebracht wurden. Auch der Spottruf "meck, meck meck" bezieht sich darauf. Sowohl der Bock als auch der Schneider wurden in vielerlei Hinsicht negativ konnotiert.

Die Schmächtigkeit der Schneider

Die in der Illustration von Buschs Lausbubengeschichte zur Schau gestellte Schmächtigkeit des Schneiders und dessen Unvermögen, sich rasch von dem Streich zu erholen spielen auf die schwächliche (= weibische) Konstitution des Schneiders an. Auch in unzähligen anderen Schneidergeschichten und -spottliedern werden die Protagonisten in ähnlicher Weise gezeichnet.

Auf dem Bild aus dem Wiener Volkskundemuseum (es stammt aus Niederösterreich), bei dem es sich um eine Illustration zu einigen darüber befindlichen Schießscheiben handelt, sieht es so aus, als würden in alter Manier die Schneider verspottet (auch auf anderen Spottbildern reiten diese auf Ziegenböcken). Indes sind hier – reitend und im Wagen sitzend – die Verlierer von Schützenbewerben abgebildet. Wer nämlich bei den Schützen den Bewerb verlor, war "der Schneider".

Eine ausgesprochene Verliererfigur

Das im kleinen Bild gezeigte Sujet (es handelt sich um die etwas verwitterte Bemalung eines Bienenstockstirnbrettchens einer alten musealen Bienenhütte im Wiener Tiergarten Schönbrunn) spielt – im Zusammenhang mit dem Schneckensymbol – auf die Langsamkeit der Schneider an. Der Schneider ist langsam, mithin "der Letzte".

Zurück zu den Schützen: Beim abschließenden Umzug musste der Verlierer ("der Schneider") die "Schneiderfahne" (mit aufgemalter Schere) tragen, während die anderen würdevoll mit Schützenbannern einherschritten.

Der Schneider war nach altem Herkommen per se eine Verliererfigur. Noch heute heißt es beim Schnapsen, dass derjenige ein "Schneiderl" hat, der überhaupt keinen Punkt erreicht hat.

Artikel erschienen am 10. Juni 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7