Nur selten habe ich einen derart passionierten Museumsleiter erlebt wie Christof Grassmayr, den ehemaligen Chef der Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck. Während sich dessen Söhne heute hundertprozentig um das betriebliche Geschehen kümmern, widmet sich der Altvordere zweihundertprozentig seinen Museumsgästen.

Im "Klangraum" befinden sich vier gleich große Glocken, die jedoch aus unterschiedlichen Metallen respektive Legierungen bestehen. Die erste Glocke besteht aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn, mithin aus typischer Glockenbronze. Auch die älteste erhaltene Glocke Österreichs aus der Zeit um 1200, die sich in St. Martin am Ybbsfeld (NÖ) befindet, sei in diesem Verhältnis gegossen, sagt Grassmayr.

Silberreiner Glockenklang

Als er noch selbst den Betrieb leitete, habe einmal ein Vertreter einer Gemeindedelegation verlangt, die Gießerei möge eine von ihm mitgebrachte Silbermünze mitverschmelzen, damit die Glocke "einen silberreinen Klang" bekäme, erzählt Grassmayr. Er habe dem Mann geraten, die Münze lieber einem Enkelkind zu vermachen. Ein norwegischer Glockengießer habe einmal eine kleine Glocke aus reinem Silber gegossen, jedoch sei deren Klang keineswegs besser gewesen als jener von Bronzeglocken, die aus der probaten Legierung bestehen.

Die zweite Glocke im Klangraum ist eine zinnarme Glocke, wobei der Zinnanteil lediglich 18 Prozent beträgt. Sogleich ist der "billigere Klang" erkennbar. Dieser Glockentyp sei bis heute in Südeuropa vorherrschend, wo die Gießereien traditionell am exklusiven Zinn sparen. Das dritte Exponat ist eine Aluminiumglocke, die deutlich dumpfer klingt als die beiden Bronzeglocken. Dieser Typ sei heute noch in Ungarn verbreitet, wo sich eine Gießerei auf diese Machart spezialisiert hatte.

Glockenfriedhof im Innsbrucker Stadtteil Wilten im Ersten Weltkrieg (um 1917). - © Johann Werfring
Glockenfriedhof im Innsbrucker Stadtteil Wilten im Ersten Weltkrieg (um 1917). - © Johann Werfring

Die Glocke für den "Endsieg"

Beim vierten Exponat handelt es sich um eine Stahlglocke, die einen recht harten Klang hervorbringt. Nach dem Ersten Weltkrieg, in welchem großmaßstäbliche Glockenvernichtungsaktionen stattgefunden hatten, wollten die Gemeinden rasch wieder zu Glocken kommen. Weil aber Zinn und Kupfer rar waren, wurden zu dieser Zeit vielfach Stahlglocken erzeugt. Die steirische Firma Böhler in Kapfenberg habe damals bei den Gemeinden mit einem besonderen Argument für Stahlglocken geworben, weiß Grassmayr zu berichten: "Wenn ihr jetzt Stahlglocken kauft, müsst ihr sie beim nächsten Krieg nicht hergeben." Dies habe in allen Fällen tatsächlich zugetroffen, weil für Kriegszwecke vor allem die hochwertige Bronze gebraucht wurde.

Im Ersten Weltkrieg, so Grassmayr, seien die Glocken wahllos abgenommen und in "Glockenfriedhöfen" gesammelt worden. Im Zweiten Weltkrieg hingegen habe die NS-Administration die Glocken in die Typen A, B, C und D klassifiziert. Während A und B sofort hergegeben werden mussten, war Typ C in "Warteposition", wohingegen Typ D geschützt war. Für den "Endsieg" ließ manch ein Bürgermeister auch die historisch wertvolle Glocke (Typ D) vom Turm nehmen, was schon in der NS-Zeit unangenehme Folgen hatte...

Print-Artikel erschienen am 6. Juni 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7