Unter dem Titel "Selbstporträt" ist in der Ausstellung eine Installation des österreichischen Künstlers Erwin Wurm zu sehen, die aus 36 in Acryl gegossenen und naturalistisch bemalten Gurken besteht. Die meisten davon sind Nachbildungen von Essiggurkerln, bei einigen handelt es sich um Skulpturen von Salatgurken.

Erwin Wurm, der 1954 in der steirischen Stadt Bruck an der Mur geboren wurde, zählt zu den arrivierten österreichischen Gegenwartskünstlern und genießt auch international beträchtliches Ansehen. Sein Erfolg ist unter anderem in der Auffindung neuer Formen der skulpturalen Kunst zu orten, wobei Wurm sein Publikum immer wieder zu begeistern vermag, indem er Tiefgründiges mit gewitzten humoristischen Facetten in Verbindung bringt.

Unterschiedliche Gefühlstöne

Ähnlich verhält es sich bei der ausgestellten Installation. Indem Wurm seine Gurkerln und Salatgurken auf Sockel stellt und das Gesamte als "Selbstporträt" anspricht, zwingt er die Betrachter sich in einer völlig anderen Weise mit der speziellen Gemüseart auseinanderzusetzen als sie es sonst tun.

Alleine schon sprachlich erweckt das Gurkerl recht spezifische Empfindungen. Hinzu kommt die eigentümliche Form, die im assoziativen Vergleich einerseits in den erotischen und andererseits in den fäkalen Bereich verweisen kann. Insofern stellt sich das gewiss vom Künstler intendierte Augenzwinkern beim Betrachter ganz automatisch ein. Mit anderen Gemüsearten wäre der Effekt in solcher Weise ganz sicher nicht zu evozieren.

Auf einem hohen Podest platziert, wird jedes Gurkerl plötzlich in seiner einzigartigen Formgebung wahrgenommen. Auf einmal beginnen ästhetische Aspekte eine Rolle zu spielen, die in gewohnten Alltagssituationen keine Relevanz erlangen. Rezipienten vermögen bei näherer Betrachtung sympathische und unsympathische Formen zu erkennen.

Die Krümmung des Gurkerls

Je näher man ein Gurkerl in Augenschein nimmt, umso individueller erscheint es. - © Foto: VBK, Wien, 2012
Je näher man ein Gurkerl in Augenschein nimmt, umso individueller erscheint es. - © Foto: VBK, Wien, 2012

Viele Vorlieben sind lebens- und entwicklungsgeschichtlich zu begründen. So sind uns manche Menschen etwa aufgrund ihrer individuellen Nasenkrümmung von vornherein entweder sympathisch oder nicht. Auch bei Gegenständen oder Nahrungsmitteln – etwa bei Gurkerln – vermag eine ganz bestimmte Krümmung oder eine sonstige spezifische Beschaffenheit Gefühlsregungen hervorzurufen, die lebensgeschichtlich determiniert sind.

Manche Gurkerln weisen warzenartige Ausbuchtungen auf. Der Anblick von Warzen löst üblicherweise keine positive Stimmung aus. Platziert man indes ein warzenbehaftetes Essiggurkerl in einer Wurstsemmel, so wird dieser Aspekt in Erwartung des bevorstehenden lukullischen Erlebens ausgeblendet. Steht das Gurkerl indes am Podest im Rampenlicht, so vermag es allerlei sonderbare Facetten zu offenbaren . . .

Print-Artikel erschienen am  14. Juni 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7