Eine kürzlich durchgeführte Dachbodenräumung in Purkersdorf (NÖ) brachte das spezielle Liebeswerben eines zur Zeit des Ersten Weltkrieges in russische Kriegsgefangenschaft geratenen österreichischen Soldaten an den Tag. Das am Dachboden aufgefundene Schachspiel machte von außen mit seiner ungewöhnlichen Buchstabenfolge zunächst einen etwas sonderbaren Eindruck. Beim Öffnen des Spiels wurden die Hintergründe deutlicher.

Auf der Innenseite des Spiels verewigte sich dessen Hersteller. Es handelt sich um den am 1. Juli 1917 im Kaukasus in russische Kriegsgefangenschaft geratenen k. k. Stabsfeldwebel Josef Strunz. Dieser war zuvor in Krems an der Donau beim k. k. Sappeurbataillon Nr. 2 stationiert gewesen (der – heute – bekannteste Angehörige dieses Bataillons war übrigens der frühere Oberleutnant in der Reserve und nachmalige österreichische Bundeskanzler Julius Raab).

"Meiner lieben goldenen Antschi"

Im Inneren des Schachspiels wurde – zusammen mit den Figuren – ein Zettel gefunden, mit dessen Hilfe die auf den Spielfeldern aufgemalten Buchstaben zu entschlüsseln sind. Die dechiffrierte Botschaft lautet: "In schwerer bittrer Zeit gedenke ich meiner lieben goldenen Antschi in Liebe."

Wie die Schrift auf der Schachbrettinnenseite verkündet, kam Josef Strunz – nach dem Frieden von Brest-Litowsk – am 2. Juli 1918 frei. Mehr ist derzeit über das ausgefallene Schachspiel und das weitere Schicksal des k. k. Stabsfeldwebels nicht bekannt.

Um die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wurde das Schachbrett samt Inhalt vom Geschäftsführer von "SamLa – der Samariterladen" (Purkersdorf), Herbert Willer, dem Heeresgeschichtlichen Museum als Schenkung übergeben.

Das Schachspiel war für Soldaten beiderseits der Front sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg eine willkommene Abwechslung gewesen. In den Kriegsgefangenenlagern stellten die Inhaftierten solche Spielbretter inklusive Figuren in Eigenregie her.

Freilich gab es im Krieg neben Schach noch eine Reihe weiterer selbst gebastelter Brettspiele. Das Spiel der Könige wurde insbesondere von Soldaten mit höheren Rängen geschätzt. Vor allem gefangene Offiziere hatten im Ersten Weltkrieg viel Zeit, weil sie in Kriegsgefangenenlagern – im Gegensatz zu einfachen Soldaten – kaum zu Zwangsarbeiten eingeteilt wurden. Neben diversen anderen kulturellen Betätigungen stand bei ihnen immer wieder auch Schachspiel (auf zum Teil beachtlichem Niveau) auf dem Programm.

Am Beispiel von Josef Strunz wird deutlich, dass Schach bei den Unteroffizieren ebenso beliebt war. Wie den Erzählungen heimgekehrter Veteranen zu entnehmen ist, machten sich aber auch nicht wenige einfache Soldaten mit dem königlichen Spiel vertraut.

Artikel erschienen am 5. Mai 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7