Das Bezirksmuseum Josefstadt hat die Geschichte der Kindheit im 8. Wiener Gemeindebezirk in seiner aktuellen Sonderausstellung facettenreich aufgearbeitet. Neben den Themenbereichen Spielzeug, Bekleidung, Schule, Kinderliteratur, Freizeit und Brauchtum haben sich die engagierten Mitarbeiter des Museums auch mit Erziehungsanstalten von anno dazumal auseinandergesetzt.

Die älteste heute noch nachweisbare Institution dieser Art in der Josefstadt war die Erziehungsanstalt und französische Schule des Johann Karl Medardus von Radler, welche 1794 im ehemaligen Sommerpalais der Gräfin Maria Katharina Strozzi (heute Sitz des Finanzamtes für den 8. Bezirk in der Josefstädter Straße 39) gegründet wurde. Vier Jahre darauf übersiedelte diese Anstalt in die Josefstädter Straße 22, wo unter anderem die kleine Fanny Elßler ihren ersten Tanzunterricht erhielt.

Karl van Beethoven (1806–1858), Neffe Ludwig van Beethovens. - © Foto: Johann Werfring
Karl van Beethoven (1806–1858), Neffe Ludwig van Beethovens. - © Foto: Johann Werfring

Beethovens Vormundschaftsstreit

Das idyllische Gartenpalais Strozzi sollte auch in weiteren Jahren ein Ort der Erziehung bleiben. 1814 richtete hier Joseph Blöchinger von Bannholz das Neue Erziehungsinstitut für Knaben ein. In diesem Institut brachte der berühmte Komponist Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) in den Jahren 1819 bis 1822 seinen Neffen Karl unter. Um in dessen Nähe sein zu können, bezog Beethoven während zweier Winter eigens Quartier in der Josefstadt.

Am 15. November 1815 war Beethovens Bruder Kaspar Karl gestorben. Um die Vormundschaft über dessen damals neunjährigen Sohn Karl führte Ludwig van Beethoven sodann einen erbitterten Rechtsstreit mit seiner Schwägerin Johanna, der Mutter des Kindes. Der begnadete Musiker sah diese als eine moralisch verwerfliche Person an und wollte den Kontakt zwischen ihr und Karl um jeden Preis unterbinden.

Nachdem sich Karls Mutter aber nicht abhalten lassen wollte, ihren Sohn im Josefstädter Erziehungsinstitut aufzusuchen, versuchte der Komponist auf Blöchinger einzuwirken, damit diese als Besucherin nicht zugelassen werde.

Der Selbstmordversuch des Neffen

Weil das Kind von dem Streit zwischen Ludwig van Beethoven und dessen Schwägerin emotional erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde und sich vom Onkel infolgedessen zusehends abwandte, argwöhnte jener, dass Johanna nicht nur den Neffen gegen ihn aufbrachte, sondern auch in der Josefstädter Erziehungsanstalt allerlei Intrigen gegen ihn ins Werk setzte.

Im April 1820 wurde der Vormundschaftsstreit zu Gunsten Beethovens entschieden. Dass die Angelegenheiten rund um seinen Neffen indes auch weiterhin ziemlich glücklos verliefen, veranschaulicht ein (missglückter) Selbstmordversuch Karls im August 1826.

Das Palais Strozzi wurde schließlich noch zur Unterbringung einer weiteren Erziehungsinstitution genützt: Ab 1840 kam hier das k. k. Civil-Mädchen-Pensionat unter. Nach dem Auszug des Mädchenpensionats im Jahr 1919 dientes das Palais der Invalidenfürsorge.

Kinder in der Josefstadt
Bezirksmuseum Josefstadt
1080 Wien, Schmidgasse 18
So 10–12 Uhr, Mi 18–20 Uhr
und nach Vereinbarung
bis 30. Oktober 2011
Tel. (01) 403 64 15
http://www.bezirksmuseum.at

Print-Artikel erschienen am 14. April 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7