Ausschnitt aus der Videoinstallation "Pit Bull Germany" von Martin Brand, 2004. - © Künstlerhaus
Ausschnitt aus der Videoinstallation "Pit Bull Germany" von Martin Brand, 2004. - © Künstlerhaus

Eigentlich sind mir Handygespräche in öffentlichen Verkehrsmitteln zutiefst zuwider. Mit Wehmut denke ich nicht selten an jene Zeiten zurück, in denen man sich im Zug oder in der Tram halbwegs ungestört einem Buch oder einem anspruchsvollen Zeitungsfeuilleton hingeben konnte. Meine Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer – und die Verantwortlichen für die betreffenden Beförderungsmittel zeigen sich nicht geneigt, irgendetwas gegen die unliebsamen Lärmemissionen zu unternehmen.

In raren Fällen lernt man aus zwangsläufig mitgehörten Handy-Telefonaten aber doch etwas dazu. Vor einigen Jahren bekam ich, mit der Straßenbahn auf dem Wiener Ring von der Universität zur Oper fahrend, das Gespräch eines etwa zwölfjährigen Mädchens mit einer Schulfreundin mit.

Ringen um Einsicht

Ob sie denn die Mathe-Hausübung schon gemacht habe, wollte das Mädchen von seiner Freundin wissen. Die Antwort lautete offensichtlich "ja", denn das Handy-Girlie quittierte mit "cool". Dann wollte die junge Tramfahrerin wissen, ob die Gesprächsteilnehmerin die in Verlust geratene Füllfeder gefunden habe. Vermutlich wurde die Frage erneut bejaht, denn die Antwort lautete wiederum "cool". In weiterer Folge wurden alle möglichen Auskünfte mit "cool" kommentiert.

Ausschnitt aus der Videoinstallation "Pit Bull Germany", 2004. - © Künstlerhaus
Ausschnitt aus der Videoinstallation "Pit Bull Germany", 2004. - © Künstlerhaus

Nach einer Weile dämmerte es mir, dass das Wort "cool" in der Lebenswelt von vorpubertierenden Wiener Kindern extrem vielseitig einsetzbar ist. Ungeachtet dieser Erfahrung hatte ich indes auch nachfolgend keine konkrete Vorstellung, was Jugendliche unter "cool" verstehen, zumal mich in anderen Situationen das Gefühl beschlich, dass Jugendliche in bestimmten Milieus ganz bestimmte (mir allerdings nur mangelnd einsichtige) Inhalte mit dem Wörtchen "cool" verbinden.

Unergründliche Bedeutung

Eine gewisse Annäherung an das Bedeutungsspektrum von "cool" erfuhr ich kürzlich in der bezeichnenden Sonderausstellung "Megacool 4.0" im Wiener Künstlerhaus. Die Videoinstallation "Pit Bull Germany" zeigt verschiedene Jugendliche aus unterschiedlichen Milieus, welche die Betrachter von der Filmleinwand herab minutenlang schweigend anschauen.

Nach einer Weile meinte ich zu erkennen, dass der Blick der einzelnen Jugendlichen eine gewisse Gemeinsamkeit hat: Ich empfand ihn als "cool". Es war hochinteressant, die starr auf mich gerichteten Physiognomien der Jugendlichen lange zu erkunden. Plötzlich wusste ich, was "cool" ist: finster dreinschauen und die Welt verachten.

Vielleicht aber hatte mir die Einbildung einen Streich gespielt? Mittlerweile bin ich wieder beträchtlich verunsichert, ob ich weiß, was "cool" ist. Da helfen auch so "coole" Ratgeber wie Duden und Wikipedia nicht weiter . . .

Print-Artikel erschienen am  6. September 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7