Die in Kairo und Wien lebende Künstlerin Barbara Graf ist eine jener Akteure, die zurzeit die kreative Szene in der Grundsteingasse in Wien-Ottakring beleben. In der Masc Foundation bespielt die gebürtige Schweizerin einen Ausstellungsraum mit innovativer textiler Kunst. Einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreichte Graf, die seit geraumer Zeit Skulpturen aus Textilien schafft, vor allem mit ihren "anatomischen Gewändern".

Wie es Dadaisten und sonstige Sprachkünstler zuwege bringen, mit minimalistischen Mitteln gewitzte dichterische Aussagen zu generieren, erzielt Barbara Graf mit unscheinbar wirkenden Grundmaterialien erstaunliche künstlerische Ausdrucksformen.

In der Grundsteingasse ist sie bloß mit einer Tasche und einer Rolle angekommen. Es ist erstaunlich, wie sie es vermochte, daraus eine raumfüllende Installation zu schaffen. Im Zentrum der Arbeit "Hand-Linien" stehen berührende Hände, die – auf ein langes Band gezeichnet – eine ornamentale Gestik vermitteln.

Die ausgerollte weiße Fläche, auf welcher die abwechselnd geöffnet und zur Faust geballten Hände aufgebracht sind, ist von einer Wand zur anderen in einer großen Schleife, von der Decke herab bis nahezu zum Fußboden reichend, angeordnet. Die vor diesem Hintergrund an Fäden herabhängenden textilen Handflächen erwecken den Eindruck, als würden sie aus dem ornamentalen Muster heraustreten, um sich im Raum zu verselbständigen.

Entstanden ist dieses Kunstwerk während eines dreiwöchigen Aufenthaltes der Künstlerin in Japan, wo diese im Rahmen eines Workshops gebeten wurde, einen Ausstellungsraum zu bespielen. In Japan hat Barbara Graf observiert, wie Dinge in landesüblicher Sitte verpackt sind. Solcherart inspiriert, schuf sie die zur Verpackung der textilen Hände bestimmte Tasche, die in ihrer Fragilität beinahe japanisch anmutet. Auch der aufgespannte Bogen mit der ornamentalen Zeichnung hat Bezüge zu Japan, wo Papierrollen von alters her Tradition haben.

Eine Zeitlang schon setzt sich Barbara Graf künstlerisch mit Falten auseinander. Die zuweilen an den installierten Handflächen als rote Linien eingearbeiteten Falten scheinen die entsprechenden Studien zu reflektieren. Die bereits im Ausstellungstitel angekündigten "Hand-Linien" geben in ihrer unterschiedlichen Realisierung im Gesamtbild der Installation den Ton an.

Nach der Finissage wird Barbara Graf ihre Handlinien-Artefakte in der passenden Tasche verstauen. Wer genau achtgibt, wird dann vielleicht eine Künstlerin, die eine ganze Rauminstallation unter dem Arm transportiert, in die 46er-Tramway entschwinden sehen.

Print-Artikel erschienen am  27. September 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7