Hubert Horky vor seiner musealen Sammlung im Kaffee Urania. - © Johann Werfring
Hubert Horky vor seiner musealen Sammlung im Kaffee Urania. - © Johann Werfring

Schon vor Jahren ist mir aufgefallen, dass die Alt-Wiener Kaffeehäuser nicht nur rar, sondern größtenteils auch elitär geworden sind. Nur noch eine kleine Anzahl dieser Refugien aus alter Zeit ist für Studenten und sonstige Inhaber schmaler Briefbörseln attraktiv. Und in den seltensten Fällen ist noch das alte Interieur erhalten. Aus dem Café Museum am Karlsplatz etwa hat man im Jahr 2003 gemeinsam mit dem Zotti-Mobiliar aus den 1930er Jahren auch die studentische und (lebens)künstlerische Kundschaft hinauskomplimentiert.

Eines der originellsten und vielleicht eigentümlichsten Alt-Wiener Kaffeehäuser, dessen bis heute erhaltene Innenausstattung aus den 1930er Jahren der ehemaligen Zotti-Bestückung im Café Museum ein wenig ähnelt, befindet sich in der Radetzkystraße 24 in Wien-Landstraße. Hubert Horky, der Cafetier, hat sich von der Goldgräberstimmung manch anderer Wiener Lokalinhaber nicht anstecken lassen. Kein Wunder also, dass sein Kaffeehaus von Studenten, Künstlern und allerlei fidelen Flaneuren geschätzt wird.

Die Ästhetik der alten Praterbilder

Das "Kaffee Urania" wirkt per se wie ein musealer Ort der alten Kaffeehaustradition. Vor geraumer Zeit schon hat Horky damit begonnen, die Wände mit historischen Bildern zu behängen. Er hat damit noch eine zusätzliche museale Ebene generiert. Bei den ausgestellten Sujets handelt es sich durchwegs um vergrößerte Schwarzweiß-Fotografien aus der auf mittlerweile rund 2000 Objekte angewachsenen "Sammlung Horky", die aus Postkarten und Fotos vom Wiener Prater besteht.

Heuer im Frühjahr hat den passionierten Praterbild-Sammler der Ehrgeiz gepackt: Das Lokal wurde akkurat vermessen und generalstabsmäßig neu mit Bildern behängt. Ein Stammgast hat bei dieser Gelegenheit seine handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis gestellt.

Mann mit eisernem Willen

"Rumpfmensch" Nikolai Kobelkoff an seinem 80. Geburtstag. - © Foto: Sammlung Horky/J. Werfring
"Rumpfmensch" Nikolai Kobelkoff an seinem 80. Geburtstag. - © Foto: Sammlung Horky/J. Werfring

Solcherart neu herausgeputzt, wird Horkys Nachtkaffeehaus am kommenden Samstag an der Langen Nacht der Museen teilnehmen. Der Kaffeehausinhaber wird dabei den interessierten Betrachtern Rede und Antwort stehen.

Manch ein historisches Bild hat einen speziellen Gegenwartsbezug. Etwa jenes, auf dem der russischstämmige "Rumpfmensch", Künstler und Praterunternehmer Nikolai Kobelkoff (1851 bis 1933) bei der Feier seines 80. Geburtstages abgebildet ist. Kobelkoff, der ohne Arme und Beine geboren wurde, vollbrachte die erstaunlichsten Kunststücke. Beispielsweise konnte er mit dem Gewehr umgehen, Bilder malen und Nähnadeln einfädeln.

1876 heiratete er Anna Wilfert. Diese trug den Bräutigam auf ihren Armen zum Traualtar und gebar ihm elf Kinder. Nachfahren von Kobelkoff sind bis heute als Praterunternehmer tätig.

Print-Artikel erschienen am  4. Oktober 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7