Das Badener Beethovenhaus ist, vom Museumskonzept her gesehen, noch so richtig altvaterisch gestaltet. Und das ist gut so. Schon so manches alte Museum wurde durch ein modernes didaktisches Konzept seiner stimmigen Aura beraubt. Gerade durch die schlichte altmodisch wirkende Umrahmung konnte dem Haus sein Genius Loci in bestmöglicher Weise erhalten werden.

Drei der sechs Räume der heutigen Gedenkstätte wurden seinerzeit von Ludwig van Beethoven bei seinen Aufenthalten im sogenannten Kupferschmiedhaus in der Badener Rathausgasse bewohnt. In den restlichen Gedenkräumen werden seine zahlreichen Sommeraufenthalte und sein kompositorisches Wirken in der Umgebung Wiens, und besonders in Baden, thematisiert.

Eine imaginäre Zeitreise

Beethovens Wohnung im Kupferschmiedhaus, welches heute auch als "Haus der Neunten" firmiert, weil der Meister darin im Jahr 1823 seine Neunte Symphonie vollendet hatte, bestand aus einem kleinen Vorraum, einem ebenso winzigen Schlafzimmer und einem größeren Wohnraum. Im Vorraum, wo stimmigerweise auch eine alte hölzerne Reisetruhe steht, hängen ein Mantel und ein Hut, wie sie Ludwig van Beethoven anno dazumal getragen haben könnte.

Der Charakter des Schlafzimmers wird durch authentisches Mobiliar nachempfunden. Neben dem Biedermeierbett befindet sich ein Waschtisch, dessen elegante Schlichtheit den Besuchern das kontemplative Einschwingen in eine imaginäre Zeitreise erleichtert. Der biedermeierliche Chemisette-Kasten beim Kopfende des Bettes weist sieben Laden auf, in denen für jeweils einen Tag der Woche ein Hemd (französisch: "chemise"), Strümpfe und Unterwäsche aufbewahrt werden konnten.

Das Prunkstück der Wohnung

Im Wohnraum sitzt an einer Schreibkommode eine dem genialen Musiker nachgebildete Puppe, die sich – wie man es nicht anders erwarten mag – in betont grantiger Manier den das Zimmer betretenden Besuchern zuwendet. Als Prunkstück des Raumes und der ganzen Wohnung darf der in der Ecke befindliche, mit dezentem Dekor ausgestattete Kachelofen gelten. Gleich hinter der Beethoven-Puppe ist eine Vitrine aufgestellt, die ein Faksimile der Partitur der Neunten Symphonie mit dem Schlusschor über Friedrich von Schillers Ode "An die Freude" zeigt, die genau in diesem Raum entstanden ist. Beethoven widmete sie König Friedrich Wilhelm III. von Preußen.

Beim Gang durch die restlichen Zimmer beeindruckt am meisten das originale Klavier aus einer Badener Bürgerwohnung, an dem der Meister persönlich die Tasten schlug. Es trägt nicht unwesentlich zum bezaubernden Zeitreisen-Feeling bei. Noch auf der Gasse spüre ich das Fluidum dieser Dinge.

Print-Artikel erschienen am  22. November 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7