Niederösterreichs erste Tischlermeisterin: Franziska Zimmerl (1940). - © Foto: Erstes österreichisches Museum für Alltagsgeschichte
Niederösterreichs erste Tischlermeisterin: Franziska Zimmerl (1940). - © Foto: Erstes österreichisches Museum für Alltagsgeschichte

Friedrich Polleroß, der seine berufliche Lebensaufgabe im Bereich des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Wien gefunden hat, zählt zu jenen Historikern, die ihr fachliches Wissen uneigennützig auch der Heimat zugutekommen lassen. Nachdem er 1986 in Wien mit der Arbeit "Das sakrale Identifikationsporträt" zum Doktor der Philosophie promoviert worden war und hernach an der hohen Wiener Schule seine Wirkungsstätte gefunden hatte, gründete er 1997 in seinem Heimatort Neupölla im Waldviertel das Erste österreichische Museum für Alltagsgeschichte.

Die Geschichte des beruflichen Alltags seiner eigenen Familie ist Gegenstand der aktuellen Sonderausstellung. Anlass ist das 100-jährige Firmenjubiläum der Tischlerei Zimmerl-Polleroß.

Eine ungewöhnliche Entwicklung

Den Grundstein des Betriebes legte Josef Zimmerl, indem er 1913 in Neupölla das Haus Nr. 45 kaufte, wo er nach seinem Militärdienst eine Werkstätte für hochwertige Möbel etablieren konnte. Trotz finanzieller Sorgen und Wirtschaftskrise ermöglichte er seinen sechs Kindern eine solide Berufsausbildung (was damals keine Selbstverständlichkeit war). Da sich der einzige Sohn für den Priesterberuf entschieden hatte, ergab sich die für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Situation, dass sich alsbald Tochter Franziska anschickte, beruflich in die Fußstapfen des Vaters zu treten. In den Jahren 1937/38 absolvierte sie in Wien einen Fachkurs und im Jahr 1942 hielt sie als erste Frau von Niederösterreich (damals dem Gau Niederdonau zugehörig) den eigenen Meisterbrief in Händen.

Die hier abgebildete Stube zeigt im Vordergrund eine Truhe bäuerlicher Art und dahinter einen Geschirrkasten – sie zählen zu den Meisterstücken von Franziska Zimmerl. Der links im Bild befindliche Tisch sowie die Sitzgelegenheiten waren bereits zuvor in der Tischlerei Zimmerl entstanden.

Ideologische Aneignung

"Solche Möbel hatte es bereits um 1900 in Schlössern und in Jägerstüberln gegeben", erläutert Museumsleiter Friedrich Polleroß. Später wurde dieser Stil von den NS-Machthabern als "deutsches Volksgut" propagiert. Noch in den 1950er und 1960er Jahren waren derartige Tische, Sesseln und Bänke stark verbreitet und beliebt. In so manchen Bauernstuben, mitunter auch in Schrebergartenhäusern, sorgen sie bis heute für Behaglichkeit.

Im Jahr 1957 heiratete Friedrich Polleroß Franziska Zimmerl und übernahm den Betrieb, der bis heute in Familienbesitz ist. Sohn Martin Polleroß leitet den Betrieb seit 1986 und dessen Kinder Franziska sowie Raphael stehen derzeit facheinschlägig in Ausbildung.

Alles in allem erzählt die Ausstellung eine spannende Familiengeschichte, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ihre dramatische Zuspitzung erreichte.

Print-Artikel erschienen am 13. Juni 2013
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7