Zum allerletzten Mal bespielt Paulus Manker mit seiner "Wagnerdämmerung" in gewohnt schwungvoller Manier am Wiener Börseplatz die einstige "k. k. Telegrafen-Centrale", ehe sie ab Herbst heurigen Jahres zu einem Wohn- und Bürohaus umgestaltet wird. Gemeinsam mit Peter Bogner und Florentina Welley hat Manker der musikalischen Inszenierung eine bemerkenswerte Ausstellung hinzugefügt, an der sich 40 zeitgenössische österreichische Künstler beteiligen. Nach Vorgabe der Kuratoren interpretieren die teilnehmenden Künstler "Richard Wagners Werk-, Wahn- und Wunderwelten" sowie seine Musik.

Den Auftakt machte der Wiener Künstler Josef Trattner, der die Fassade des kaiserzeitlichen Gebäudes schon einige Zeit vor Ausstellungseröffnung auf seine Weise "verwagnert" hat. Trattner möchte mit seiner Installation die "Kraft und Energie" von Richard Wagners Musik zum Ausdruck bringen. Schaumstoff ist der Werkstoff, mit dem Josef Trattner Bekanntheit erlangte. Schaumstoff quillt nun aus den Fenstern und Türen des altehrwürdigen Hauses. Trattner schafft solcherart eine Verbindung von Innen- und Außenraum, von Architektur und Kunst.

Betritt man die einstige k. k. Telegrafen-Centrale, das spätere Telegraphenamt, durch deren Haupteingang, so befindet man sich sogleich bei der Installation der Wiener Künstlerin Katharina Razumovsky. Nachdem sie gebeten wurde, für die Ausstellung einen Beitrag zu leisten, beobachtete die Künstlerin, wie in der k. k. Telegrafen-Centrale von Handwerkern gerade Lüftungselemente aus Stahl abmontiert wurden. Sogleich bat sie um deren Beistellung und ordnete sie zu einem Kunstwerk an.

Die Wagner-Interpretation von Katharina Razumovsky beim Eingang zum ehemaligen k. k. Post- und Telegraphenamt. - © Johann Werfring
Die Wagner-Interpretation von Katharina Razumovsky beim Eingang zum ehemaligen k. k. Post- und Telegraphenamt. - © Johann Werfring

Die Mutation der Ekstase

"Die Verbindung der Musik von Richard Wagner mit Ekstase stand für mich von vornherein als Thema fest, sagt Razumovsky. So formte sie mit dem im Haus aufgefundenen Werkstoff phallusartig aufgetürmte Gebilde, über denen in Neon-Schrift "Extase" zu lesen ist. Mit der Transformation von "Ekstase" zu "Extase" evoziert die Künstlerin Assoziationen zur gegenwärtig verstärkten Wahrnehmung Wagners als unliebsame Person. Die traditionell offen zur Schau gestellte Verzückung bei der Rezeption der Wagner-Musik geriet mitunter zur Ex-Verzückung, eben zu einer "Ex-tase" (im Sinne von "aus und vorbei"), nachdem international und auf breiter Basis eine Diskussion über Richard Wagners antisemitische Haltung eingesetzt hat.

Über dem Ganzen entschweben in dionysischem Rausch weibliche Füße aus Gips. Sie verbinden formal die Installation mit dem klassizistischen Foyer. Zugleich wird damit eine Verbindung hergestellt zum nächsten Raum, wo Hermann Nitsch Dionysos als Mittler zwischen seinem eigenen Werk und der Musik Wagners ansichtig macht.

Print-Artikel erschienen am 18. Juli 2013
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage ProgrammPunkte, S. 7