Würde man mit einer Zeitreisemaschine in die Mitte des 18. Jahrhunderts katapultiert und fände man sich im Kreuzungsbereich der Wiener Währinger Straße mit der heutigen Spitalgasse wieder, so wäre die Gegend aus heutiger Sicht kaum zu identifizieren. Während damals noch Äcker und Weingärten bis an die Gestade der Als hereinreichten, befanden sich in der Gegend südlich der Währinger Straße jede Menge Spitäler und eine nicht geringe Anzahl von Gottesäckern, wie man damals in der Kaiserstadt die Friedhöfe nannte.

In den Jahren 2005 und 2006 konnte die Stadtarchäologie Wien im Zuge von Bauarbeiten am Gelände des Universitäts-Sportinstituts in Wien-Alsergrund Reste des Bäckenhäusel- Gottesackers, des Spanischen Gottesackers und des Neuen Schottenfriedhofs ausgraben und dokumentieren. Diese sind auf dem Vogelschauplan von Joseph Daniel Huber auf der stadteinwärts gelegenen Seite des hier blau eingezeichneten Alserbaches (heute: Spitalgasse) zu sehen. Die in diesem Bereich befindliche Sensengasse hieß in früheren Tagen nicht zufällig "Todengäßl".

Die überschaubare, aber feine Plakatausstellung bietet in mehrfacher Hinsicht Einblicke in die Historie Wiens. Alleine schon die Rezeption der Geschichte der im 17. und 18. Jahrhundert angelegten Friedhöfe und der zugehörigen Institutionen ist einen Ausstellungsbesuch wert. Mancherlei überraschende Details sind auch über den Totenkult und das Bestattungsbrauchtum im alten Wien zu erfahren.

In Zusammenarbeit mit Fachleuten weiterer Disziplinen vermögen die Archäologen ein bemerkenswert lebendiges Bild vom Alltag im alten Wien erstehen zu lassen. Die hier abgebildete Oberkieferhälfte stammt vom Skelett einer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren verstorbenen Frau, die am Neuen Schottenfriedhof bestattet wurde. Laut Ass.-Prof. Dr. Karl Großschmidt von der Medizinischen Universität Wien begann das Leiden dieser Frau mit Karies und einem unbehandelten Loch im Zahn. In weiterer Folge bildete sich an der Zahnwurzel ein Abszess, wodurch im linken Oberkiefer der Knochen zerstört wurde. Nachdem nun auch Eiter in die Oberkieferhöhle gelangte, dürfte die Frau an einer Blutvergiftung verstorben sein.

Man kann sich vorstellen, welche Qualen die Frau vor ihrem Tod zu erleiden hatte. Der Fall macht anschaulich, wie man in der "guten alten Zeit" an vergleichsweise kleinen Wehwehchen elend zugrunde gehen konnte. Eine ausreichende ärztliche Behandlung konnten sich nur Betuchte leisten. Das Sterbealter von knapp zwei Drittel der Verstorbenen auf den drei Friedhöfen haben die Archäologen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr dokumentiert.

Print-Artikel erschienen am 12. September 2013
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7