Im Jahr 1998 wurde das Alte Allgemeine Krankenhaus (AKH) an die Universität Wien übergeben, um der altehrwürdigen Institution fortan als sogenannter Universitätscampus zu dienen. Im selben Jahr kam die in Sofia geborene und in Baden bei Wien ansässige Künstlerin Minna Antova im sechsten der neun Höfe vorbei, wo ein kleines Häuschen mit oktogonalem Grundriss ihr Interesse erweckte.

Es handelte sich um den ehemaligen, im Jahr 1903 von dem Architekten Max Fleischer errichteten Betpavillon für Patienten jüdischen Glaubens. Im November 1938 war das Gebäude geschändet worden, jedoch wurde damals von der Bausubstanz nichts zerstört. Anfang der 1950er Jahre erfolgte die Umfunktionierung zu einer Transformatorstation (als solche sollte der Bau noch bis zum Jahr 2000 genutzt werden).

Im Zuge der Umgestaltung des Alten AKH zum Universitätscampus hatten die "Arge Architekten" rund um den ehemaligen Betpavillon das Konzept eines "Monotheistenplatzes" erarbeitet, mit dem eine Art Handreichung zwischen Abend- und Morgenland symbolisiert werden sollte. Geplant war die vollständige bauliche Rekonstruktion der Überreste des Betpavillons und die Errichtung einer Miniatur-Moschee in dessen Nachbarschaft sowie die Wiederinstandsetzung der sogenannten Garnisonskapelle (die sich indes in beträchtlicher Entfernung befindet).

Freilich lässt ein solches Projekt sogleich an einen Miniaturenpark denken, wie er bekanntlich mit "Minimundus" in Klagenfurt umgesetzt wurde. Minna Antova, der dieses Vorhaben in keiner Weise zusagte, machte sich daran, in "Selbstbeauftragung" ein künstlerisches Alternativ-Projekt unter dem Titel "Denk-Mal-Synagoge" zu erarbeiten. Prompt hatte sie bei einem öffentlichen Hearing gegenüber den "Arge Architekten" die Nase vorn und durfte ihr Projekt umsetzen. Jedoch bestand die Universitätsleitung auf Entfernung des Begriffs "Synagoge" aus der Objektbezeichnung, weshalb in Zusammenarbeit mit der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde der Objekttitel "Denk-Mal Marpe Lanefesch" kreiert wurde (hebräisch "Marpe Lanefesch" bedeutet "Heilung für die Seele").

Der Gebetpavillon, von dessen Originalsubstanz infolge Umbau zum Trafo-Haus bloß sechs Wände übrig waren, wurde nach Antovas Konzept nicht restaurativ aufgebaut, sondern als "transparentes Wissen um die Geschichte" mit Glaselementen nach den Plänen Fleischers ergänzt. Die Wandmalereien interpretieren die Marginalisierung des einstigen Zweckbaus. Wie durch ein Vergrößerungsglas gesehen "fliegen" zerrissene, farbige Thora-Rolllen-Segmente Richtung Erde und Himmel.

Die begehbare Fläche besteht aus drei mit acht Zentimeter Abstand übereinander liegenden Glasschichten, die mit drei Dokumenten bedruckt sind: unten der Plan von Max Fleischer, in der Mitte ein Schreiben der Staatspolizei vom 10. November 1938 mit einer Liste von durchgestrichenen Wiener Synagogen und oben die Planzeichnung der Transformatorstation. Auf solche Weise wird transparentes Ge-Denken ermöglicht.

Print-Artikel erschienen am 3. April 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7