Ungewohnter Anblick: Das Gesicht von Kaiser Franz Joseph prangt inmitten eines Davidsterns. Darüber eine silberne Tora-Krone aus dem Wien des 19. Jahrhunderts. - © Jüdisches Museum Hohenems
Ungewohnter Anblick: Das Gesicht von Kaiser Franz Joseph prangt inmitten eines Davidsterns. Darüber eine silberne Tora-Krone aus dem Wien des 19. Jahrhunderts. - © Jüdisches Museum Hohenems

Das Läuten der Kirchenglocken war vergeblich. An diesem Sonntagvormittag war die ehemalige Synagoge der Stadt übervoll, und die Besucher standen bis weit ins Foyer. Mit etwas Ironie betrachtet, konnte der enorme Zustrom den Eindruck erwecken, dass die Eröffnungsreden im jetzigen Salomon-Sulzer-Saal und die Vernissage der Ausstellung "Die ersten Europäer" im Jüdischen Museum weit mehr Interessierte - nicht nur Einheimische, sondern auch Besucher aus Liechtenstein, Deutschland und der Schweiz - anzulocken vermochten als Predigten in den örtlichen Kirchen. Eine Beobachtung, die auch die konkreten, ständig steigenden Besucherzahlen der Vorjahre bestätigen. So konnte das Museum im Jahr 2012 mehr als 17.200 Gäste verzeichnen.

Eine Zahl, mit der Hanno Loewy bei seinem Amtsantritt vor zehn Jahren als Direktor des Museums nicht gerechnet hat. Den Literaturwissenschafter, Kulturanthropologen und Ausstellungskurator aus Frankfurt haben die Geschichte und überregionale Bedeutung der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Hohenems und die spannenden Ambivalenzen einer urban geprägten jüdischen Gemeinschaft in einem ländlichen Umfeld so sehr interessiert, dass er sich für diesen Job beworben hat. Und seit 2004 mit bemerkenswerten und klugen Ausstellungen das Museum weit über die Grenzen bekannt und beachtet gemacht hat.

Vielfältige Verbindungen


Mit der Bedeutung von Grenzen beschäftigt sich auch die neue Ausstellung des Museums. Die Kuratorinnen Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser haben eine Präsentation zusammengestellt, die anhand von 41 Objekten die vielschichtigen wie vielfältigen Verbindungen der Habsburger-Monarchie zum Judentum aufzeigt. Wobei die Kuratorinnen ein Hauptaugenmerk darauf legen, die europäischen Verbindungen zwischen jüdischen Familien, den mehr als 400 Gemeinden in der Monarchie, den Talmud- und Toraschulen und die Handelsbeziehungen herauszuarbeiten.

Das beginnt mit einer beeindruckenden Handschrift zur Halacha von Isaak ben Mosche aus Wien aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die Anmerkungen und Antworten zum täglichen Leben zahlreicher internationaler Gelehrter enthält. Die Dramaturgie setzt sich über eine mathematische Abhandlung des Astronomen und Philosophen Levi ben Gerschon aus Perpignan (16. Jahrhundert) fort, die - ins Lateinische übersetzt - an der Wiener Universität als Standardwerk eingesetzt wurde. Nach dem Urheber wurde 1935 ein Mondkrater benannt: "Rabbi Levi".

Fordernde Ausstellung


Die Ausstellungsmacherinnen spannen einen dichten und eindrücklichen Bogen bis zum Kriegsbeginn und dem Ende der Monarchie. So wird etwa ein Abzeichen aus dem Jahr 1914 in Form eines Davidsterns mit dem Bildnis des Kaisers in der Mitte gezeigt. Die Schau endet mit vier Manuskriptseiten der Autobiografie Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern". Heimann-Jelinek und Feurstein-Prasser ist es gelungen, eine sehr individuelle wie - im positiven Sinn - fordernde Ausstellung zusammenzustellen: Sie verzichten bewusst darauf, den Kontext der Objekte durch Etikettierung unmittelbar transparent zu machen, sondern appellieren an den Besucher, sich mit Hilfe eines Begleithefts eingehender auf die einzelnen Geschichten einzulassen, um sich dadurch mit dem Konzept der Ausstellung "Die ersten Europäer" auseinanderzusetzen.