Sammler und Kaffeesieder Hubert Horky in seinem Refugium. - © Johann Werfring
Sammler und Kaffeesieder Hubert Horky in seinem Refugium. - © Johann Werfring

Das Kaffee Urania bei der Franzensbrücke in Wien Landstraße ist für sich genommen schon eine museale Stätte. Das alte Mobiliar aus den 1930er Jahren, die pittoreske Kaffeemaschine der Marke Urania und die Telefonzelle von anno dazumal, die zwar mittlerweile nur noch als Besenkammerl fungiert, aber immerhin noch im Originalzustand erhalten ist, suggerieren eine Welt von gestern, wie sie kaum woanders in Wien noch in solcher Weise intakt geblieben ist. Auch der Wirt in seiner altväterischen Art trägt zur speziellen Aura sein Scherflein bei.

Kaffeehausinhaber Hubert Horky, der heuer sein 50-jähriges Jubiläum als Kaffee-Urania-Wirt feiert, ist seit Jahren passionierter Sammler von historischen Prateransichten. In Bildarchiven, auf Flohmärkten und auf sonstige Weise hat er mittlerweile eine stolze Sammlung von mehr als 2000 Fotos, Postkarten und weiteren Objekten zusammengetragen. Eine Auswahl davon ist im Lokal als vergrößerte Schwarz-Weiß-Fotografien zu bewundern.

Historien und Histörchen

Wenn die Gäste Interesse bekunden, holt der Wirt seine Fotoalben hervor und kommentiert die alten Bilder. Freilich ist Horky kein akribisch erzählender Historiker; die eine oder andere Saloppheit darf in den Schilderungen schon vorkommen. Aber dafür hat er mancherlei Historien und Histörchen parat, von denen in den Geschichtsbüchern nichts geschrieben steht.

Schon als Bub hat er sich im Prater herumgetrieben, und die Jahrzehnte hindurch hat er mit allerlei (auch alteingesessenen) Praterbuden-Betreibern Bekanntschaften geschlossen. Von diesen erfuhr er viele Insidergeschichten.

Ausgefallenes weiß er etwa über die Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu erzählen. "Als im Jahr 1945 der Prater gebrannt hat, hat die SS das Wasser abgedreht, dass niemand löschen konnte, damit sich die Russen nicht verstecken haben können", sagt Horky. Aus der mündlichen Überlieferung ist ihm bekannt, dass die Prater-Wirte in ihrer Verzweiflung das fehlende Löschwasser durch Wein und Bier ersetzten.

Prachtbau im Wurstelprater

"Damals waren Wein und Bier durchwegs im Fassgebinde vorhanden", so Horky. Insofern konnten die Getränke rasch in Kübel umgegossen werden. Wie indes anhand der vom Wirt gesammelten tristen Bilder aus jener Zeit nachzuvollziehen ist, dürfte diese Notmaßnahme nur wenig genützt haben.

Das hier abgebildete Foto zeigt vor dem zerstörten Riesenrad das in den letzten Wiener Kampftagen ausgebrannte Vivarium. Anhand dieses anlässlich der Weltausstellung 1873 entstandenen Prachtbaus kann nachvollzogen werden, dass es im Prater anno dazumal auch hervorragende Architektur gegeben hat. In der Sekundärliteratur ist vermerkt, dass dieses im Jahr 1945 zerstörte Gebäude zwei Jahre später abgetragen wurde. Horky jedoch erinnert sich, dass er noch im Jahr 1955 gemeinsam mit anderen Buben aus den Aquarien des Vivariums große Rosenquarzbrocken herausgebrochen habe.

Print-Artikel erschienen am 12. Juni 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7