Schädel mit Rosenverzierung im Beinhaus von Hallstatt. - © Johann Werfring
Schädel mit Rosenverzierung im Beinhaus von Hallstatt. - © Johann Werfring

Wenn ein österreichischer Ort derart reizend ist, dass man ihn sogar in einem anderen Weltteil nachbaut, dann sollte man ihn als Einheimischer auch kennen. Die malerische und zugleich geschichtsträchtige Gemeinde Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut ist keine dreieinhalb Autostunden von Wien entfernt. Mithin lässt sich eine Tour-Retour – zumindest für Frühaufsteher – sogar als Tagesausflug planen.

Der Friedhof, an dessen Rand das Hallstätter Ossuarium (wie ein Beinhaus respektive Karner auch genannt wird) steht, bietet mit seiner Aussicht auf den See und die umliegende Berglandschaft wohl den schönsten Panoramablick aller Begräbnisstätten auf diesem Planeten.

Weil der Hallstätter Gottesacker von jeher wenig Platz geboten hat, konnte den zur Erde Gebetteten nur vorübergehend ihre Grabesruhe gegönnt werden. Nach einer Ruhezeit von 10 bis 20 Jahren wurden die Gräber geöffnet, die Gebeine gereinigt und die Schädel einige Wochen im Sonnen- und Mondlicht gebleicht. Während die Röhrenknochen fein säuberlich in Regalen gestapelt wurden, bekamen die Schädel eine spezielle Verzierung.

Gedenke des Todes!

Als Künstler betätigten sich meist Totengräber, die neben den Beschriftungen Motive wie Rosen (als Zeichen der Liebe), Efeu (als Zeichen des – ewigen – Lebens), Lorbeer (als Zeichen des Sieges) oder Eichenlaub (als Zeichen des Ruhmes) aufmalten. Zudem finden sich auf den Schädeln, die ja an sich schon als Symbole des Todes gelten, auch Schlangen, die aus den Augenhöhlen hervorkriechen und solcherart in der Tradition des "Memento mori" ("Gedenke des Todes") stehen.

Im Ossuarium sind auf einem Buch die Schädel von Priestern platziert. - © Johann Werfring
Im Ossuarium sind auf einem Buch die Schädel von Priestern platziert. - © Johann Werfring

In dem seit dem 12. Jahrhundert bestehenden Hallstätter Ossuarium befinden sich heute 1200 Schädel, von denen 610 bemalt sind.

Schädelbemalungen waren insbesondere in der Zeit vom 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert üblich. In dieser besonderen Form scheint das Sepulkralbrauchtum auf die Regionen vom Bayrischen Wald bis nach Westösterreich beschränkt gewesen zu sein. Während in Hallstatt noch die alte Aufstellung zu sehen ist, wurden bemalte Schädel anderer Beinhäuser oft museal gesammelt. Beispielsweise verwahrt das Wiener Volkskundemuseum etliche bemalte Schädel in seinem Depot.

Im Hallstätter Beinhaus finden mittlerweile nur noch recht spärlich Beisetzungen statt. Zuletzt kam ein Schädel im Jahr 1995 in das Ossuarium. Er stammt von einer Frau, die 1983 verstorben war und fand seinen Platz neben dem Kreuz – zu erkennen ist er an dem noch im Kiefer befindlichen Goldzahn. Gereinigt werden exhumierte Schädel heutzutage chemisch. Alles in allem besteht in Hallstatt nun nicht mehr die Notwendigkeit die Gebeine aus den Gräbern zu entfernen, weil mittlerweile die Feuerbestattung stark zugenommen hat. Der Wunsch im Beinhaus beigesetzt zu werden, wird nur noch selten geäußert.

Print-Artikel erschienen am 24. Juli 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7