Die Rollstühle der Wiener Weltausstellung waren ein Luxusangebot. - © Johann Werfring
Die Rollstühle der Wiener Weltausstellung waren ein Luxusangebot. - © Johann Werfring

Die Weltausstellung des Jahres 1873 zählt zu den aufwendigsten Veranstaltungen, die je am Wiener Donaugestade über die Bühne gingen. Alleine schon das zentrale Gebäude der Ausstellung, die von der österreichischen Kaiserkrone bekrönte Rotunde, war beeindruckend: Zur Zeit ihrer Fertigstellung war sie der größte Kuppelbau der Welt und übertraf mit einer Spannweite von 108 Metern sogar den Petersdom in Rom.

Dazu kamen noch jede Menge Nebengebäude und Pavillons. Ein in der Ausstellung gezeigtes Modell veranschaulicht die gewaltige Dimension des Ganzen. Rund 53.000 Aussteller aus 35 souveränen Ländern und dazugehörigen Kolonien präsentierten stolz ihre Erzeugnisse. Um die ganze Ausstellungsfläche abzuschreiten, wären 40 Tagesmärsche vonnöten gewesen.

Das Tournürenkleid als Torturkleid

Weil der Rundgang für viele ermüdend war, gab es ein spezielles Angebot: In der Rotunde standen Rollstühle bereit, die nicht primär als Service für Körperbehinderte, sondern für betuchte Ausstellungsbesucher intendiert waren. Wie anhand von Bildern der aktuellen Sonderausstellung im Wien Museum nachzuvollziehen ist, wurde gerne davon Gebrauch gemacht. Vor allem modebewusste Damen der "besseren Gesellschaft", deren Bewegungsfreiheit durch Kleider mit langen Schleppen nicht unbeträchtlich eingeschränkt war, erwiesen sich als Schätzerinnen der komfortablen Schiebesesseln.

Gesäßbetonung mit der Tournüre galt zur Zeit der Weltausstellung als chic. - © Johann Werfring
Gesäßbetonung mit der Tournüre galt zur Zeit der Weltausstellung als chic. - © Johann Werfring

Die Damenmode der Oberschicht war zur Zeit der Wiener Weltausstellung überaus opulent. Das hier abgebildete blaue Kleid stellt eine geradezu elefantöse Betonung des Gesäßes zur Schau. Erreicht wurde dies durch eine spezielle, unter dem Kleid befindliche Vorrichtung namens Tournüre in der Form eines Unterrocks, welcher rückwärts mit halbkreisförmigen Fischbeinen versteift war und solcherart die Raffungen und Bauschungen des Kleides zusammenhielt. Außerdem gab es Tournüren, bei denen unter dem Rock ein mit Rosshaar gefülltes halbmondförmiges Pölsterchen eingearbeitet war.

Recht typisch für die überladenen Kleider war auch deren Schmückung mittels Fransen, Maschen, Bändern oder Rosetten. Dies alles – insbesondere die bereits erwähnte Schleppe – konnte bei längeren Rundgängen das Tournürenkleid für seine Trägerin als ein wahres Torturkleid erscheinen lassen.

Zu sehen sind in der Ausstellung auch Fotos von prominenten Modevorbildern, etwa von der Burgschauspielerin Katharina Schratt oder von der Fürstin Pauline Metternich-Sándor. Letztere war überhaupt die einflussreichste Modedame der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt. Diese Vorreiterrolle kam der Enkelin des "Kutschers von Europa" vor allem deshalb zu, weil sie als Freundin der französischen Kaiserin Eugénie Zugang zum französischen Kaiserhof hatte. Infolgedessen brachte sie die neuesten Pariser Mode- und Make-up-Trends nach Wien.

Print-Artikel erschienen am 21. August 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7