Der Wiener Alsergrund rund um die Währinger Straße ist heutzutage eine begehrte – für viele kaum noch erschwingliche – Wohngegend. In krassem Gegensatz zu den gegenwärtigen Verhältnissen steht die soziale Schichtung, wie sie in der Frühen Neuzeit in diesem Grätzel gegeben war.

Der Bereich vor dem Schottentor war in vorindustrieller Zeit geprägt von Armeneinrichtungen sowie Spitälern und Seuchenstationen für das "niedrige Volk". Neben dem Großarmenhaus (dem nachmaligen Allgemeinen Krankenhaus und jetzigen Universitätscampus) befand sich der riesige Kontumazhof und nicht weit davon entfernt stand das Bäckenhäusel, wo ebenfalls Minderbemittelte untergebracht waren. Dazu passend legte man in diesem Bereich allerlei Friedhöfe an, in denen vorwiegend Arme bestattet wurden.

Knaben bekamen länger Muttermilch

Drei Friedhöfe in diesem Bereich (es gab noch etliche andere in der näheren Umgebung) konnte die Stadtarchäologie Wien auf einem rund 2,5 Hektar großen Zwickel zwischen der Sensengasse und der Spitalgasse im Zuge von Bauarbeiten in den vergangenen Jahren beforschen: den Bäckenhäusel Friedhof, den Spanischen Friedhof und den Neuen Schottenfriedhof. Anhand der osteologischen Funde sowie der Grabbeigaben vermitteln die Forscher in der Ausstellung vor allem interessante Einblicke in das Bestattungs- und Gesundheitswesen von armen Wiener Vorstadtbewohnern.

Der Befund zeigt, wie schwierig es einst gewesen ist, Säuglinge und Kinder am Leben zu erhalten. Ein Drittel aller Bestatteten in den drei beforschten Friedhöfen erreichte nicht das Erwachsenalter. Die meisten von ihnen starben entweder kurz nach der Geburt oder bis zum sechsten Lebensjahr. Vor allem stellte das Abstillen eine enorme Gefahr für die Kinder dar. Durchschnittlich wurden die Kinder damals rund zwei Jahre lang gestillt, wobei sich Knaben zumeist länger der Muttermilch erfreuen durften als Mädchen.

Starb ein Kind, das noch nicht getauft war, so wurde es am Friedhofsrand beigesetzt. Hingegen hat sich die ältere Sitte, ungetaufte Kinder unter der Traufe der gesegneten Friedhofskirche zu begraben (damit sie dort gewissermaßen durch das Regenwasser nachgetauft würden) im Befund der drei ehemaligen Friedhöfe nicht niedergeschlagen.

Unverheiratete Verstorbene wurden mit Totenkronen beigesetzt. Hier Reste einer Totenkrone von den Wiener Ausgrabungen. - © Johann Werfring
Unverheiratete Verstorbene wurden mit Totenkronen beigesetzt. Hier Reste einer Totenkrone von den Wiener Ausgrabungen. - © Johann Werfring

Reste von aufgefundenen Totenkronen veranschaulichen die alte Sitte, unverheiratete Tote speziell zu schmücken. Mit der Totenkrone wurde symbolisch die Hochzeit im Jenseits vollzogen. Dem gesellschaftlichen Ideal jener Tage zufolge führten Personen, die unverheiratet blieben, ein unvollkommenes Leben. Diese Ansicht wird ja auch heute noch weltweit in nicht wenigen Ländern, aber auch in ländlichen Gegenden Österreichs vertreten.

Totenkronen wurden den Verstorbenen anno dazumal nicht immer auf das Haupt gesetzt, sondern diesen zuweilen in die Arme gelegt oder am Sarg platziert. Särge waren am Alsergrund damals noch einigermaßen rar, viele wurden bloß mit Totenbrettern bestattet.

Print-Artikel erschienen am 4. September 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7