Ein Kapitel der gelungenen Sonderausstellung über den Lebensweg und das politische Wirken von Franz Jonas, der am 4. Oktober 1899 in Floridsdorf geboren wurde, ist dem Engagement des ehemaligen Bundespräsidenten für die "Welthilfssprache" Esperanto gewidmet. Der amtierende österreichische Bundespräsident Heinz Fischer, dessen Eltern sich in Wiener Neustadt bei einem Esperanto-Kurs kennengelernt hatten, erhielt im Rahmen der Ausstellungseröffnung von Hans Michael Maitzen, dem Obmann des Österreichischen Esperanto-Verbandes, eine Rolle mit dem seit 1. Jänner 2012 gültigen Bundeshymnen-Text auf Esperanto.

Franz Jonas hatte die von Ludwig Zamenhof initiierte Plansprache im Jahr 1922 im Österreichischen Arbeiter-Esperanto-Bund kennengelernt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Grete hatte er damals Kurse belegt. Die Ausstellung zeigt unter anderem ein Prüfungszeugnis des "Lehrervereins Esperanto in Wien" vom 15. November 1923, aus dem hervorgeht, dass Franz Jonas die Prüfung mit "sehr gutem Erfolge" abgelegt hat und "die Eignung besitzt, in der internationalen Hilfssprache Esperanto Unterricht zu erteilen".

Zwei Postkarten, die in der Ausstellung gezeigt werden, belegen, dass Franz Jonas mit seiner Frau gerne auf Esperanto korrespondierte. So teilte er am 14. August 1935 mit, dass die Fahrt nach Eisenstadt sehr angenehm gewesen sei, jedoch sein Hinterteil vom ungewohnten Radfahren schmerzte. Franz Jonas war auch Redakteur der Esperanto-Zeitschrift "La Sozialisto" und warb als ehrenamtlicher Sekretär der Arbeiter-Esperanto-Bewegung viele neue Mitglieder an. Etliche Bilder in der Ausstellung belegen die dynamische Wiener Esperantisten-Szene in den 1920er und 1930er Jahren.

Bundespräsident Franz Jonas (vorne, links) bei der Eröffnung des 55. Esperanto-Weltkongresses in Wien, 1970. - © Bezirksmuseum Floridsdorf
Bundespräsident Franz Jonas (vorne, links) bei der Eröffnung des 55. Esperanto-Weltkongresses in Wien, 1970. - © Bezirksmuseum Floridsdorf

Verbot des Arbeiter-Esperanto-Bundes

In der Zwischenkriegszeit war die österreichische Esperanto-Bewegung zum Teil ideologisch aufgesplittet. Neben den sozialdemokratischen Esperantisten gab es die katholischen Esperantisten, und im Jahr 1923 hatte sich eine "neutrale" Esperanto-Organisation mit 23 Gruppen formiert. Im Zuge der politischen Ereignisse wurde der Arbeiter-Esperanto-Bund 1934 aufgelöst. Während der NS-Herrschaft erlebte die Bewegung einen weiteren Rückschlag. Für Adolf Hitler war Esperanto eine "Judensprache".

Zwar konnte Esperanto nach 1945 nicht mehr an den vorherigen Aufschwung anknüpfen, jedoch hielt Franz Jonas dem "Band der große Gemeinschaft" die Treue. Am 2. August 1970 eröffnete er als österreichischer Bundespräsident den 55. Esperanto-Weltkongress in Wien und hielt dabei die Ansprache in fließendem Esperanto.

Print-Artikel erschienen am 16. Oktober 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7