Nachdem der österreichische Schriftsteller Joseph Roth in einem Garnisonlazarett Kieferverletzte aus dem Ersten Weltkrieg gesehen hatte, schrieb er unter dem Titel "Die Fratze der Großen Zeit" in einem Zeitungsfeuilleton: "Wißt Ihr, was das sind: Kieferbeschädigte? Es sind Menschen, die Gott nach seinem Ebenbilde schuf und die dann der Krieg nach seinem Ebenbild umarbeitete."

Auch Karl Kraus widmete sich 1916 in der "Fackel" dem Thema Gesichtsverletzungen. Seine Verwunderung war groß, dass es durch chirurgische Eingriffe möglich geworden war, einem Soldaten, dem Granatsplitter fast die ganze rechte Gesichtshälfte weggefetzt hatten, mithilfe eines Aluminiumgerippes wieder die Form eines menschlichen Antlitzes zu verleihen. "Ja, das Gesicht dieser Welt wird eine Prothese sein!", verkündete der Wortgewaltige in Anbetracht derartiger Eindrücke mitten im verheerenden Weltenbrand.

Seelenschmerz der Entstellten

Die in der Sonderausstellung des Wiener Zahnmuseums gezeigten moulagierten Kieferverletzungen, Fotografien und weiteren Objekte stammen aus der Sammlung des Militärarztes Juljan Zilz, der an der Stadtgrenze von Lublin (Polen) während des Ersten Weltkriegs die Kriegszahnklinik der k.u.k. IV. Armee leitete, wo mehr als 3000 Kieferverletzte behandelt wurden.

Weil in diesem schrecklichen Krieg Gesichtsverletzungen in bis dahin nicht vorstellbarem Maße zu verzeichnen waren, ergab sich für die Kieferchirurgie ein immenses Betätigungsfeld. Freilich wurden anfangs auch viele Fehler gemacht, welche manch ein Soldat schmerzlich zu verspüren bekam. Jedoch entwickelten die Mediziner in dieser Zeit zusehends Methoden, die für viele wie Wunder wirkten. Zu den neuen Standards zählten vor allem Knochenverpflanzungen sowie die Anfertigung von Prothesen, mit deren Hilfe das Gesicht rekonstruiert werden konnte – so gut es eben ging.

Um den Soldaten besser helfen zu können, betrieb Juljan Zilz – völlig unüblich für eine Klinik an der Front – ausgiebig Forschung. Zum Zwecke der Forschung wurden von den Verletzten auch viele Fotografien angefertigt. Zudem stellten Künstler Moulagen der Verletzungen her.

Die Behandlung von Gesichtsverletzungen war für die Betroffenen besonders schmerzlich, und in vielen Fällen wurde in der ersten Zeit das Essen breiartig mit Schläuchen eingeflößt. Manche Patienten mussten sogar jahrelang in Spitälern oder Sanatorien betreut werden. Besonders schwer zu ertragen waren für viele die Entstellungen, denn selbst die Geheilten hatten nicht selten "das Gesicht verloren".

Buchtipp: Andreas Latzko, "Menschen im Krieg", Milena Verlag, Wien 2014, 186 Seiten, Preis: 20,90 Euro.

Print-Artikel erschienen am 15. Jänner 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7