Wien. Sie bezeichnen sich als "das Gewissen der Kunstwelt", doch niemand kennt ihre wahre Identität geschweige denn die Anzahl ihrer Mitglieder. Ihre Decknamen erinnern an verstorbene Künstlerinnen. Als Käthe Kollwitz, Frida Kahlo, Eva Hesse, Agnes Martin oder Hannah Höch geben sie Interviews, halten Vorträge, organisieren Workshops und intervenieren dort, wo es selbst im 21. Jahrhundert noch gilt, das "F-Wort" zu aktualisieren. Als Ikonen des Feminismus haben sich die Guerilla Girls schon längst in die Kunstgeschichte eingeschrieben. Seit nunmehr 30 Jahren steht die Diskriminierung von Frauen und ethnischen Minderheiten in der Kunstwelt auf ihrer Agenda. Was die äußerst heterogene Gruppe von Aktivistinnen verschiedenen Alters, unterschiedlicher Ethnie, sexueller Orientierung und beruflicher Tätigkeiten eint, ist der Glaube an den Humor als Waffe und das Bekenntnis zu einer Arbeitskleidung, die für diese Haltung und für das Handeln als Kollektiv steht: die Gorillamaske.

Das zum Markenzeichen avancierte Accessoire verdankt sich scheinbar der Rechtschreibschwäche eines frühen Mitglieds, das den Gruppennamen einmal falsch buchstabierte. Als Primaten verkleidet also, die mitunter auch in High Heels und Netzstrümpfen durch die Gegend stöckeln, liefern sie der Kunstwelt aber nicht nur schräges Spektakel, sondern darüber hinaus gut recherchierte Zahlen und Fakten, die sie in der Vergangenheit vor allem vermittels unzähliger Plakataktionen, Reklametafeln, Buswerbungen und Anzeigenschaltungen öffentlich machten.

Legendär und viel zitiert etwa die Arbeit "Get Naked" aus dem Jahr 1989. "Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?" steht da in fetten schwarzen Lettern auf knallgelbem Grund. Die Antwort wird sogleich mitgeliefert: "Weniger als fünf Prozent der Künstler in der Abteilung Moderne Kunst sind Frauen, aber 85 Prozent aller Akte sind weiblich." Am linken Bildrand ist Ingres’ Akt "Große Odaliske" zu sehen. Das Antlitz der Porträtierten ziert eine Gorillamaske.

Kunstpartisaninnen


Mit dem Argument, dass der Kunstmarkt doch längst auf Qualität abseits geschlechtsspezifischer Differenzierungsmerkmale zähle, ist den Kunstpartisaninnen auch aktuell nicht beizukommen. Selbst nicht von den Kunstdetektivinnen Entlarvtes veranschaulicht das Ausmaß an Ungleichgewichtigkeiten. Erst im Herbst vergangenen Jahres war etwa im "Wirtschaftsblatt" zu lesen, dass Frauen in der Kunstszene gegenwärtig zwar so einflussreich wie nie zuvor seien, der Verkaufswert ihrer Werke aber - vor allem im Bereich der zweistelligen Millionenbeträge - durchschnittlich
10 Prozent unter dem von Arbeiten männlicher Zeitgenossen läge.

Den Anstoß zur Formierung der Gruppe gab übrigens eine 1984/85 im MoMA New York stattfindende Ausstellung, die einen Überblick über damals aktuelle malerische und bildhauerische Positionen versprach. Von den insgesamt 169 ausstellenden Kunstschaffenden waren nur 13 weiblich. Auf diesen Missstand setzte der Kurator der Schau noch eins drauf, indem er meinte, dass jeder hier nicht vertretene Künstler, "seine" berufliche Laufbahn überdenken sollte. Am 14. Juni 1984 protestierte eine noch namenlose Gruppe feministische Aktivistinnen vor dem Museum. Die Demonstration fand allerdings selbst bei den Besuchern der Ausstellung kaum Beachtung. Der seit Ende der 1960er Jahre erstarkte Feminismus war offensichtlich zum Erliegen gekommen. Vermutlich bedurfte es eines zeitgemäßeren kreativen Wegs, um sich gehör zu verschaffen. Die Ära der Guerilla Girls war damit eingeläutet. Sieben Gründungsmitglieder waren es damals. Heute sind es viele.

Mit Straßenkampfattitüden fing es an. Mit dem Transfer von Hollywood-Devotionalien und -Strategien in den Kunstmarkt ging es weiter. Und die Gruppe hatte durchaus Erfolg: Museen und Büchereien haben ganze Portfolios ihrer Poster in den Sammlungen. Mit ihrer Protestkunst gelten die Guerilla Girls vielen Künstlern nachfolgender Generationen als Vorbild und sind vor einer Weile schon im internationalen Ausstellungsbetrieb angekommen. Gerade bereiten sie eine große Retrospektive vor, die am 30. Jänner 2015 in Madrid eröffnet wird. Der Kunstzirkus liebt das amüsant-provokante Gezetere der Affenbande. Das System, das die Guerilla Girls kritisieren, hat sie längst umarmt.