Nachdem der Nationalsozialismus überwunden war und die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders eingesetzt hatte, stellte der deutsche Althistoriker Alfred Heuß 1959 für sein Land den "Verlust der Geschichte" fest. In ähnlicher Weise konstatierte später der Historiker Hans-Jürgen Görtz für die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders: "Geschichtslosigkeit hatte sich wie Mehltau über das westliche Deutschland gelegt."

Selbiges gilt freilich auch für Österreich. Ein allgemeines Geschichtsbewusstsein hinsichtlich der Geschehnisse in den Kriegsjahren sollte sich erst allmählich ausbilden. Zunächst ging man in der Alpenrepublik recht sonderbar mit der jüngeren Vergangenheit um: In Ostösterreich waren in den Jahrzehnten nach dem Krieg jede Menge Hitlerwitze im Umlauf, auch erzählte man einander Dutzende Judenwitze. Noch in den 1970er Jahren waren selbst unter Jugendlichen garstige Witzeleien gang und gäbe. Wenn etwa eine Zigarette nicht richtig brannte, weil sich darin infolge schlechter Tabakverarbeitung grobe Pflanzenstücke befanden, was damals nicht selten der Fall war, so hieß es: "Diese Zigarette hat einen Jud’." Das fanden alle recht lustig. Der Zusammenhang mit dem Verbrennen von vergasten Juden in Konzentrationslagern war den jugendlichen Rauchern damals meist nicht bekannt. Völlig kopflos hatten sie diese Redensart von den Erwachsenen übernommen.

Thomas Bernhard und das Hitlerbild

Es gab zu jener Zeit eine ganze Reihe seltsame Sprüche. Im Burgenland kursierte noch in den 1970er und 1980er Jahren die folgende Redensart: "Wos is dou los, wos wiad dou g’schpüt? / Im gaunzn Haus kua Hitlabüd!" ("Was ist hier los, was wird hier gespielt? / Im ganzen Haus kein Hitlerbild!")

Dieser bei allen möglichen Gelegenheiten geäußerte Spruch bezieht sich auf den sozialen Druck, der während der NS-Herrschaft in den Dörfern auf jene ausgeübt wurde, die sich der gängigen Gesinnung nicht anschließen wollten. Parteigänger der Nationalsozialisten versuchten freilich, in ihrem Wirkungskreis möglichst viele Hitlerbilder zu verkaufen. Wer ein solches zu Hause aufgehängt hatte, war unverdächtig.

In öffentlichen Gebäuden waren Hitler-Konterfeis ohnedies obligatorisch. In sämtlichen Schulen blickte der Führer düster auf die Kinder herab. "An der Stelle, wo jetzt (nach dem Krieg) das Kreuz hing, war noch der auf der ganzen Wandfläche auffallend weiß gebliebene Fleck zu sehen, auf welchem jahrelang das Hitlerbild hing", schildert Thomas Bernhard in seinem autobiografischen Werk "Die Ursache".

Die in privaten Häusern aufgehängten Hitlerbilder mutierten in manchen Fällen zu Hassbildern. In einem burgenländischen Dorf trug es sich zu, dass ein Vater das Hitlerbild zornig (und für die Dorfgemeinschaft augenfällig) aus dem Haus warf, als ihn die Nachricht erreichte, dass sein zweiter Sohn im Krieg gefallen war. In jenen Fällen, in denen das Führer-Konterfei bis zum bitteren Untergang überdauerte, hatten es in Ostösterreich die Hausbesitzer eilig, dieses zu verbrennen oder in Brunnen zu versenken, sobald sich die sowjetische Armee näherte.

Wie das Beispiel eines Gemäldes im Badener Rollettmuseum veranschaulicht, fiel es manch einem gar nicht so leicht, sich vom geliebten Führerbild zu verabschieden. Der Röntgenbefund des hier abgebildeten Andreas-Hofer-Porträts brachte ans Licht, dass ein ehemaliges Hitlerbild während des Einmarschs der sowjetischen Truppen hastig in das unverdächtige Konterfei des beliebten österreichischen Nationalhelden umgewandelt wurde. Dieses Gemälde ist auch als ein Sinnbild zu verstehen: nämlich für die (teils versteckte) Gesinnung, von der sich so manche Zeitgenossen nicht trennen mochten.

Print-Artikel erschienen am 19. Februar 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7