Der Mensch des Mittelalters hatte im buchstäblichen Sinne eine Höllenangst. Bei allen möglichen Gelegenheiten wurde diese von den Klerikern geschürt.

Vor dem Abgrund der Hölle konnte man nicht einmal dann sicher sein, wenn man ein Leben lang fromm gewesen war. Noch in der Sterbestunde versuchten die Mächte der Finsternis der Seele habhaft zu werden.

Wann immer es ging, waren Angehörige da, die dem Sterbenden mit Gebeten zur Seite standen. Auch die priesterliche Sakrament-Erteilung sowie Weihwasserbesprühungen halfen gegen die Dämonen. Was aber, wenn niemand da war, der einen gegen die teuflischen Gesellen zur Seite stand?

Um die Ängste der Menschen vor der letzten Stunde zu mildern, gab man ihnen im späten Mittelalter Sterbebüchlein an die Hand, mit deren Hilfe sie die Kunst des guten Sterbens ("Ars moriendi") lernen konnten.

Die darin enthaltenen bildlichen Darstellungen vermittelten den zumeist des Lesens Unkundigen, dass in der Sterbestunde mit allerlei teuflischen Anfechtungen zu rechnen war. In der hier links abgebildeten Darstellung versuchen die teuflischen Gestalten den Sterbenden zur Verzweiflung zu bringen, indem sie ihm wie im Kino die Missetaten seines Lebens vor Augen führen. Etwa ist im Hintergrund zu sehen, wie der mit dem Tode Ringende in seiner Jugend ein Mädchen verführte, und rechts ist ein Mann dargestellt, dem er sein letztes Hemd auszog.

Der Sterbende darf sich aber keinesfalls zur Verzweiflung treiben lassen, denn verharrt er im Glauben, so wird er trotz seiner Verfehlungen der Barmherzigkeit Gottes teilhaftig werden. Um dies zu unterstreichen, wird im rechten Bild anschaulich gemacht, dass ihm gute Mächte gegen die Dämonen zur Seite stehen. Neben den Engeln leistet am rechten Bildrand vor allem der heilige Antonius Beistand. Praktisch jedes Kind erkannte ihn anno dazumal an seinen Attributen: dem Glöckchen und dem Wanderstab. Und es war Allgemeinwissen, dass Antonius in der Wüste sämtlichen Verlockungen und Anfechtungen, die ihm der Teufel und die Dämonen eingaben, widerstanden hatte.

In einer Abfolge von weiteren Bildpaaren erfuhr man in den Sterbebüchlein alles über die verschiedenen teuflischen Anfechtungen in der Sterbestunde. Solcherart gerüstet brauchte man selbst dann keine Angst zu haben, wenn man mutterseelenallein von den Dämonen bedrängt wurde.


Print-Artikel erschienen am 26. Februar 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7