Zum Schutz der Vorstädte Wiens vor Feinden, insbesondere vor den immer wieder in Niederösterreich einfallenden aufständischen Ungarn (Kuruzzen), wurde im Jahr 1704 rund um Wien der sogenannte Linienwall errichtet. Dessen Verlauf orientierte sich an den äußersten Vorstadtbebauungen und schloss auch einen Teil der Felder mit ein, wodurch im Belagerungsfall die Versorgung mit Lebensmitteln ermöglicht wurde.

Wie sich herausstellte, musste der zickzackförmige Wall als militärische Einrichtung bloß ein einziges Mal (nämlich im Jahr der Erbauung) dem Angriff der Kuruzzen standhalten. Nachdem die Kuruzzengefahr vorüber war, nütze die Stadt den Wall für einen anderen Zweck: nämlich zur Kontrolle. Der Linienwall wurde zur Steuergrenze. Im Lauf des 18. Jahrhunderts wurden entlang des Linienwalls die "Linienämter" errichtet, welche die "Aufschlagämter" und Mauthäuser ablösten. Im Jahr 1829 wurde die "Verzehrungssteuer" (eine Vorform der Waren-Umsatzsteuer) eingeführt, die bis 1923 primär auf Lebensmittel, die in die Stadt gelangten, eingehoben wurde.

Freilegung eines Abschnitts des Linienwalls (1030 Wien). - © Stadtarchäologie Wien
Freilegung eines Abschnitts des Linienwalls (1030 Wien). - © Stadtarchäologie Wien

Sichtbare Reste des Linienwalls

Die Steuer wurde in den Linienämtern bei den Toren des Linienwalls eingehoben. Nach Eingemeindung der Vororte im Jahr 1892 rückte die Verzehrungssteuer-Grenze weiter an die Stadtgrenze hinaus, wo neue Linienämter entstanden (der Linienwall wurde ab 5. März 1894 abgerissen). Zwei ehemalige Linienamts-Gebäude existieren noch im 11. Bezirk, wie in der Ausstellung zu erfahren ist, nämlich am Münnichplatz und in der Dreherstraße. Weil die in den Linienämtern beschäftigten Männer in grünen Uniformen Dienst versahen, wurden sie von den Wienern als "Spinatwachter" verspottet.

Nur wenige Teile des Linienwalls sind heute noch an der Oberfläche sichtbar, und zwar im Bereich der Schnellbahntrasse am äußeren Landstraßer Gürtel (3. Bezirk), im Bereich der Maiselstraße und des Anton-Kuh-Weges (3. Bezirk) sowie in der Weyringergasse Nr. 13 und 15 (4. Bezirk). Im Zuge von Bauarbeiten hatte die Stadtarchäologie Wien zwischen 1989 und 2012 mehrmals die Möglichkeit, unterirdische Reste des Linienwalls freizulegen, dessen Verlauf zu dokumentieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Geschichte Wiens zu leisten.

Print-Artikel erschienen am 2. April 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7