Aderlass beim Barbier, Holland, 18. Jh. - © Johann Werfring
Aderlass beim Barbier, Holland, 18. Jh. - © Johann Werfring

Das aus Holland stammende Ölgemälde eines unbekannten Künstlers aus der Mitte des 18. Jahrhunderts in der aktuellen Sonderausstellung im Landesmuseum Niederösterreich – von dem ein Ausschnitt hier abgebildet ist – gibt Einblick in den beruflichen Alltag von frühneuzeitlichen Barbieren. Während im Hintergrund ein Geselle mit Haarpflege beschäftigt ist, nimmt vorne der Meister einen Aderlass vor, ein Lehrling fängt in einer Schale das Blut auf.

Zwar gab es in der Frühen Neuzeit auch Chirurgen mit akademischer Bildung, jedoch wurde die Wundarznei in erster Linie von Barbieren und Badern betrieben. Unter diesen bildeten die Barbiere die zahlenmäßig größere Gruppe.

Universitär gebildete Mediziner waren für die innere Medizin zuständig und legten selbst nicht Hand an. Sie verschrieben Arzneien, die ihre Wirkung im Inneren des Körpers entfalten sollten. Operationen und sonstige Eingriffe am Körper überließen sie den handwerklich ausgebildeten Chirurgen.

Die bürgerlich wirkende Frau, an welcher auf dem Bild der Aderlass vorgenommen wird, wirkt keineswegs krank. Nach der aus der Antike stammenden und damals nach wie vor herrschenden humoralpathologischen Lehre, der zufolge stets darauf zu achten war, dass das Säfte-Gleichgewicht im Körper stimmte, musste zu bestimmten Zeiten respektive unter bestimmten kosmologischen Konstellationen zur Ader gelassen werden. Mithin betrieb der abgebildete Barbier im Rahmen des damaligen medizinischen Weltbildes Präventivmedizin, um einem Säftestau, und damit der Krankheit, zuvorzukommen.

Betrachtet man das Bild genauer, so ist auch wahrzunehmen, dass der Barbier mit einer Binde am Arm der Frau das Blut staute. Die dadurch hervorgetretene Vene wurde sodann mit einem "Schnepper" (ein solcher ist im Original in der Ausstellung zu sehen) eingeschnitten, wodurch der Blutfluss in Gang gesetzt war.

Aderlassmann. Aus: Hans von Gersdorff: Feldbuch der Wundartzney, 1517. - © Johann Werfring
Aderlassmann. Aus: Hans von Gersdorff: Feldbuch der Wundartzney, 1517. - © Johann Werfring

Zumindest in bürgerlichen Kreisen war der Aderlass ein feststehendes Ritual, dem man sich wenigstens einmal im Jahr unterzog. Nach vollzogenem Aderlass gab es üblicherweise eine Stärkungsmahlzeit.

Im Krankheitsfall wurde freilich viel öfter zur Ader gelassen. Noch im frühen 17. Jahrhundert musste das Aderlassen bei bestimmten Krankheiten an gewissen Adern vorgenommen werden. Wie der hier abgebildete Aderlassmann mit den eingezeichneten Lass-Stellen veranschaulicht, waren sensible Körperpartien keineswegs ausgenommen.

Nachdem William Harvey (1578–1657) den großen Blutkreislauf entdeckt hatte, stand fest, dass der Aderlass an jeder beliebigen Körperstelle erfolgen konnte. Deshalb wurde nun vielfach an einer kommoden Stelle, und zwar bevorzugt am Arm, zur Ader gelassen.

Print-Artikel erschienen am 13. Mai 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7