Kinderfreibad am Margaretengürtel, 1927. - © MA 44
Kinderfreibad am Margaretengürtel, 1927. - © MA 44

Während die Wiener Ringstraße zu einem Prachtboulevard ausgebaut wurde und die Bürgerlichen immer prächtigere Häuser errichteten, lebten die Arbeiter der Donaumetropole in der "guten alten Zeit" in beengten Wohnverhältnissen. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs bestanden 73 Prozent der Wiener Wohnungen bloß aus einem Zimmer und einem Kabinett. In 22 Prozent der Wiener Arbeiterwohnungen fristeten Untermieter und Bettgeher ihr trauriges Dasein, mehr als die Hälfte der Menschen hatte damals kein Bett für sich allein.

Der seit 1919 sozialistisch dominierte Wiener Gemeinderat nahm sich dieser Misere an: Zwischen 1919 und 1933 entstanden mehr als 380 kommunale Wohnbauten mit knapp 65.000 Wohnungen. Die höchste Konzentration an Gemeindebauten findet sich entlang des Wiener Margaretengürtels, der sogenannten Ringstraße des Proletariats, die seinerzeit als politischer Gegenentwurf zur bürgerlichen Ringstraße angelegt wurde.

Luft, Licht und Sonne

Bei der Eröffnung des Franz-Domes-Hofs am 28. Juni 1930 erklärte Bürgermeister Karl Seitz: "Längs dieser Straße sind heute prächtige Bauten entstanden, die in ihrer Zweckmäßigkeit und Schönheit die Anerkennung der Welt gefunden haben. So können die Margaretner ihren Gürtel eine zweite Ringstraße nennen. Hier ist eine Ringstraße des Volkes entstanden, des Volkes, das wir emporführen wollen zum Verständnis und zum Genuss des Schönen".

Kinderplanschbecken im Fuchsenfeldhof in Wien-Meidling. - © VGA
Kinderplanschbecken im Fuchsenfeldhof in Wien-Meidling. - © VGA

Gebaut wurde im Roten Wien der Zwischenkriegszeit nach dem Motto "Luft, Licht und Sonne". Insofern unterschieden sich die Planungen der Gemeindebauten grundlegend von jenen des bis dahin üblichen privaten Wohnbaus. In diesem Zusammenhang konstatierte der sozialdemokratische Politiker Robert Danneberg in seiner 1929 erschienenen Schrift "Zehn Jahre neues Wien": "Vom Baugrund werden nur 30 Prozent, in dicht verbauten Gebieten höchstens 40 Prozent verbaut, während die alte Bauordnung eine 85-prozentige Verbauung zulässt. Diese Erlaubnis wurde von den privaten Bauherren restlos ausgenützt. Dadurch entstanden die engen Lichthöfe und dunklen, luftlosen Hinterhäuser."

Wie in der Ausstellung nachzuvollziehen ist, spielte das Motto "Luft, Licht und Sonne" nicht nur bei den in der Schau im Karl-Marx-Hof recht ansprechend dargestellten Gemeindebauten eine Rolle. Zudem wurde nämlich ein starkes Augenmerk auf die Infrastruktur in unmittelbarer Nähe der Bauten gelegt. Im Fuchsenfeldhof wurde direkt vor den Fenstern der Wohnungen ein Kinderplanschbecken errichtet, das im Winter als Eislaufplatz diente. Und vor der Kulisse der mit der Kaiserkrone geschmückten Berufsschule Mollardgasse am Margaretengürtel gab es ab 1926 zur Vorbeugung von Lungenkrankheiten und Rachitis ein Kinderfreibad.

Damals war der Verkehr rundherum noch moderat. Heute befinden sich in dieser Gegend käfigartige Spielplätze, die auf beiden Seiten von dreispurigen Fahrbahnen flankiert sind. Von den späteren Auswirkungen des Individualverkehrs, der die "Ringstraße des Volkes" zu einer Verkehrshölle machte, konnten sich die Planer von einst freilich noch keine Vorstellung machen.

Print-Artikel erschienen am 3. Juni 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7