Ein Besuch des Museumsdorfes Niedersulz hat zu jeder Jahreszeit seinen Reiz. Das Aufblühen der Bauerngärten im Frühjahr, das Naschen von den Kirschbäumen im Frühsommer oder von den zahlreich vorhandenen Kernobstbäumen im Herbst, die Rundgänge durch die stimmungsvollen Dorfgasserln, der Besuch der liebevoll restaurierten alten Häuser und die Einkehr im Dorfwirtshaus sind ein einzigartiges Gesamterlebnis, wie es kaum woanders geboten wird. Mobiltelefone und sonstige moderne Geräte sollten draußen gelassen oder zumindest abgeschaltet werden.

Die aktuelle Sonderausstellung zeigt bemalte Bauernkästen, die seit dem frühen 18. Jahrhundert zur Aufbewahrung von Kleidern, Stoffen und Wertgegenständen verwendet wurden. Erst das Aufkommen der von Wasserkraft betriebenen Sägewerke zu jener Zeit hatte diese Entwicklung möglich gemacht; zuvor hatten große Truhen als Verwahrmöbel fungiert.

Groß in Mode war die Bemalung der Kästen zwischen 1750 und 1830. In den mit kräftigen Farben umrahmten Türfeldern finden sich vor allem Pflanzendarstellungen in Vasen oder in Form von Violinschlüsseln. Oft wurden solche Kästen von der Braut als Teil der Mitgift in den Haushalt eingebracht. Recht markant sind die bekrönenden Aufsätze mit Voluten und sonstigen Verzierungen. Bei dem hier abgebildeten Kastenaufsatz sind oben zwei Tauben ansichtig, die das Möbel eindeutig als Brautkasten ausweisen. Vögel galten als Sinnbild der Liebe, aber auch der Fruchtbarkeit. Freilich mag hier – wie in dem vom gegenständlichen Substantiv abgeleiteten Verb zum Ausdruck kommt – auch der Hinweis auf Erotik mitgeschwungen haben.

Mangels Papier dienten Innenflächen von Kastentüren als "Notizblöcke". - © Johann Werfring
Mangels Papier dienten Innenflächen von Kastentüren als "Notizblöcke". - © Johann Werfring

Mangels Verfügbarkeit von Papier wurden die Innenseiten der Kästen für allerlei Aufzeichnungen benutzt. Verzeichnet sind etwa Geburten, Preise Schulden oder Wetterphänomene.

Als die Kästen nicht mehr der Mode entsprachen oder wenn durch Mitgift neue Brautkästen ins Haus kamen, wanderten die alten Bauernmöbel in die Gemächer der Dienstboten. Auch diese verewigten sich mit schriftlichen Zeugnissen. So ist in einem der Kästen nachzuvollziehen, wie viele Ziegel der betreffende Dienstbote erzeugt hat.

Print-Artikel erschienen am 25. Juni 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7