Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts (und zum Teil noch danach) waren medizinische Mittel aus Leichen keine Seltenheit. Als besonders heilkräftig galten Arzneimittel, die mit Substanzen aus altägyptischen Mumien angereichert waren.

Nachdem der Handel mit ägyptischen Mumien lange Zeit geblüht hatte, unterbanden die Araber diesen schließlich, zumal ihnen der Gedanke, dass sich die Europäer ihre Vorfahren einverleibten, nicht behagte. Freilich kam die Einfuhr nicht gänzlich zum Erliegen, denn die verteuerten Mumien brachten im Schwarzhandel beträchtliche Gewinne. Vor allem Schiffsladungen mit Sennesblättern (die in Europa unter anderem zu Abführmittel verarbeitet wurden) sollen es gewesen sein, unter denen die begehrte Arzneiware Mumie nun versteckt wurde.

In Europa indes hatte man keine Scheu, die im Schwarzhandel erstandenen menschlichen Leiber als "echte" Mumien feilzubieten. In manch einer Apotheke wurde sogar mit zur Schau gestellten Ganzkörpermumien Propaganda gemacht. In der Pressburger Jesuitenapotheke etwa wurde in einem Schrank mit Glasfenster eine Mumie gezeigt, von der die Jesuiten behaupteten, es handle sich um den Körper der Königin Kleopatra.

Die Betonung, dass es sich um eine "mumia vera" ("wahrhaftige", "echte") Mumie handle, war vonnöten, weil anno dazumal auch häufig gefälschte ägyptische Mumien angeboten wurden, die aus den toten Körpern von Hingerichteten hergestellt worden waren.

Weil ägyptische Mumien so rar waren, gab es aber auch offizielle Anleitungen, wie eine für Medizinalzwecke benötigte Mumie herzustellen sei: Man nehme "einen geraden, gesunden, wohlgestalten Menschen, welcher seiner Missethat halben zum Tode ohnedem verurtheilet" ist, der dann mit Myrrhe, Safran, Aloe und weiteren Spezereien gewürzt und ausgestopft werden solle. Ließe man diese Spezereien eine bestimmte Zeit lang einwirken, so würde daraus "eine rechte und taugliche Menschen-Mumie werden", wie aus Zedlers Universal-Lexikon aus dem Jahr 1739 zu erfahren ist. Eine solcherart hergestellte Mumie konnte dann den Apotheken zur weiteren Verarbeitung zugeführt werden. Wer es sich aber leisten konnte, bevorzugte freilich ein Arzneimittel, das die wirkungskräftigere "mumia vera" enthielt.

Von dem am linken Bildrand positionierten Standgefäß aus der Zeit um 1750 wird angenommen, dass darin für Medizinalzwecke benötigtes Knochenmehl aufbewahrt wurde. Dieses wurde aus Schädeln gewonnen, die ebenso von Hingerichteten stammten.

Print-Artikel erschienen am 15. Oktober 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7