Der in der Ausstellung als Stopfpräparat vertretene Großfotzn-Alpenplärrer (lat. Alpinus clamator) zählt, wie alle anderen Wolpertinger-Arten, zu den scheuesten Tieren überhaupt, und es ist ein Wunder, dass man überhaupt etwas über ihn weiß. Einzig das – ebenfalls in der Schau vertretene – Einhorn kann punkto Scheuheit vielleicht noch ein kleinwenig mithalten. Aber immerhin lässt sich dieses Wesen von einer Jungfrau anlocken, da eine solche ja bekanntlich unwiderstehlich auf das gehörnte Pferderl wirkt. Besonders scheu ist auch jene Art von Hirsch, die ein weißes Kreuz zwischen dem Geweih hat. Nur dem heiligen Hubertus (um 655–727) hat sich bislang ein einziges Exemplar dieser Spezies gezeigt.

Über den Wolpertinger weiß man zumindest, dass er in Bayern lebt. Der Großfotzn-Alpenplärrer als einer der größten Wolpertinger streunt auch durch die Abhänge der Gebirge im österreichischen Alpenland, wie in der Ausstellung auf Schloss Halbturn zu erfahren ist. Und obwohl die Ausläufer der Alpen, etwa als Bucklige Welt oder als Leithagebirge, bis ins Burgenland hineinreichen, ist in diesem Bundesland bislang noch nie ein derartiger Plärrer gesehen oder gehört worden.

Das Aussehen dieses Tieres ist für Wolpertinger-Kundige nicht weiter verwunderlich: Der Kamm auf dem großohrigen Raubtierschädel korrespondiert farblich nicht übel mit dem roten Gefieder der Flügel. Einzig und allein die entenmäßigen Watschel-Hinterfüße beeinträchtigen das ansonsten durchaus stolze Erscheinungsbild dieses seltenen Tieres.

Liebesschreie in hellen Mondnächten

Wie indes die Ausstellungsmacher kundtun, haben auch die seltsam erscheinenden Watschelfüße eine nicht unbedeutende Funktion. Zur Ranzzeit nämlich (mithin in jenen hellen Mondnächten, in denen die Männchen ihre plärrenden Liebesschreie vernehmen lassen) wird mit den Watschelfüßen der sogenannte Ranztanz vollführt. Der Körper des mit den Flügeln schlagenden Männchens ist dabei hoch aufgerichtet und der Kamm schwillt auf die doppelte Größe an, was eine nicht unbeträchtliche Wirkung auf die angelockten Weibchen ausübt.

Nachdem ich mich auch noch über die Ernährung jener großfotzigen Spezies informiert habe, verlasse ich grüblerisch diesen Ausstellungsbereich. Weitere Ausstellungskapitel zu Mensch-Tier-Beziehungen in China und Afrika bringen mich auf andere Gedanken. Im lauschigen Garten-Café des Schlosses reflektiere ich die Eindrücke bei Kaffee und herrlichen Somlauer Nockerln.

Print-Artikel erschienen am 12. Mai 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7