Die Hochschule für Bodenkultur beim Türkenschanzpark (um 1900). - © Boku-Archiv
Die Hochschule für Bodenkultur beim Türkenschanzpark (um 1900). - © Boku-Archiv

Seit der Gründung der Hochschule für Bodenkultur (heute Universität für Bodenkultur respektive Boku) am 15. Oktober 1872 war die landwirtschaftliche Sektion zunächst im Palais Schönborn in Wien-Josefstadt einquartiert, wohingegen die 1875 hinzugekommene forstliche Sektion in der Reitergasse (heute Skodagasse) in Wien-Josefstadt untergebracht wurde. Nahezu ein Vierteljahrhundert lang waren Forschung und Lehre auf engem Raum zusammengepfercht, ehe 1896 das neu errichtete Gebäude neben dem 1888 eröffneten Türkenschanzpark bezogen werden konnte.

Heute besteht die Boku aus einer ganzen Reihe von Gebäuden. Zumindest in den ersten Jahren bot das Haus an der Türkenschanze optimale Rahmenbedingungen. Einen Schwerpunkt widmet die Ausstellung den Verhältnissen vor und während des Zweiten Weltkriegs. Schon im Zuge der Wiederinbetriebnahme des Hauses nach Generalsanierung waren von Rektor Martin H. Gerzabek am 17. Oktober 2016 zwei Gedenktafeln enthüllt worden. Während die eine den Angehörigen und Absolventen der Boku gewidmet ist, die in der NS-Zeit verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden, bezieht sich die andere auf jene Professoren, darunter vier Rektoren, die 1945 im Zuge der Entnazifizierung ihre Ämter verloren haben.

Gregor-Mendel-Denkmal (Schablone): Zwei Gestalten, "die sich zu vereinen bereit sind". - © Boku-Archiv
Gregor-Mendel-Denkmal (Schablone): Zwei Gestalten, "die sich zu vereinen bereit sind". - © Boku-Archiv

Ebenfalls der Aufarbeitung jener Zeit ist ein spezieller Aspekt der Ausstellung gewidmet: Nachdem schon 1933 die vor dem Haus vorbeiführende Hochschulstraße auf Gregor-Mendel-Straße umbenannt worden war, wollte man dem – auch im Hinblick auf die Forschung im Haus – bedeutenden Botaniker Gregor Mendel (1822–1884) im Jahr 1935 ein Denkmal setzen, was aber aus Geldmangel nicht möglich war. Zumindest aber hatte Erich von Tschermak-Seysenegg, Professor an der Hochschule für Bodenkultur, 1941 den Versuch einer Darstellung der Mendel-Gesetze mit Blumen vor dem Haus, am Linnéplatz, unternommen.

In weiterer Folge kam es im Zusammenhang mit den Bemühungen um die Ehrung Gregor Mendels zu dessen Vereinnahmung durch die Nazis. 1942 ergriff Rektor Adolf Staffe, der auf der oben erwähnten Tafel mit der Entnazifizierungs-Dokumentation namentlich angeführt ist, die Initiative zur Errichtung eines Mendel-Denkmals und bezeichnete dabei Mendel als "wichtigsten Vorkämpfer des Rassegedankens".

Mit der Schaffung des Denkmals wurde der Wiener Bildhauer Josef Franz Riedl beauftragt. Das von ihm als Schablone in Plakatkreide am Linné-Platz errichtete Modell zeigte nicht Gregor Mendel selbst, sondern zwei junge Gestalten "die sich zu vereinen bereit sind", wie Riedl anmerkte. Das Denkmal wurde zu Kriegsende aber nicht mehr ausgeführt. Später (1960) kam Gregor Mendel auf der Türkenschanze mit der Benennung des Hauptgebäudes der Boku auf Gregor-Mendel-Haus auch ohne NS-Vereinnahmung zu weiteren Ehren.

Print-Artikel erschienen am 10. November 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7