Die Bartholomäuskapelle soll in den kommenden Jahren mit den originalen mittelalterlichen Fenstern bestückt werden. - © Johann Werfring
Die Bartholomäuskapelle soll in den kommenden Jahren mit den originalen mittelalterlichen Fenstern bestückt werden. - © Johann Werfring

Oftmals streben Besichtiger von historischen Gebäuden völlig ungezügelt voran, ohne viel nach links und rechts zu schauen. Infolge dieses kollektiven Verhaltens entgeht den allermeisten Besuchern des Wiener Stephansdomes ein spektakulärer Rundgang, der im romanischen südlichen Heidenturm beginnt und über die Bartholomäuskapelle sowie die Westempore (mit wunderbaren Einblicken ins Dominnere) in die Reliquienschatzkammer und in den nördlichen Heidenturm führt. Der (meist übersehene) Zutritt zu diesem wunderbaren Rundgang erfolgt nach Durchschreiten des Haupteingangs – haarscharf rechts – über einen kleinen Fahrstuhl.

Noch bis zur Wiedereröffnung des Wiener Dommuseums im kommenden Jahr sind bei diesem Rundgang auch Schätze aus den Beständen des Museums zu sehen. Darunter befinden sich etwa der Ober-St.-Veiter Altar aus der Werkstatt Albrecht Dürers oder das Portrait Herzog Rudolfs IV., das als das älteste nachantike Herrscherbildnis im deutschsprachigen Raum gilt.

Eine in Vergessenheit geratene Kapelle

Bald nach dem Betreten der unter dem Titel "Der Domschatz von St. Stephan" firmierenden Ausstellung gelangt man in die Bartholomäuskapelle. Untersuchungen im Zuge der in den Jahren 2002/03 erfolgten Restaurierungen erbrachten neue Forschungsergebnisse. Unter anderem konnte mit dem Verfahren der Dendrochronologie (Baumringchronologie) eine Datierung auf die 1370er Jahre vorgenommen werden. Stifter der Kapelle war demnach Herzog Albrecht III., ab 1365 Nachfolger seines berühmten Bruders Rudolfs IV., des Stifters (Letzterem hat die Stadt Wien mit dem Auftrag zum Ausbau des Stephansdomes und der Gründung der Universität viel zu verdanken).

Wie auch die Schlusssteine der Bartholomäuskapelle mit Darstellungen des Erzengels Michael vermuten lassen, war diese ursprünglich dem heiligen Michael (der auch außen an der Westfassade des Doms figürlich dargestellt ist) geweiht. Seit 1840 war die im Jahr 1437 dem heiligen Bartholomäus geweihte Kapelle ein Lagerraum gewesen und infolgedessen schlichtweg in Vergessenheit geraten.

Albrecht III. und seine Nachfolger hatten die Kapelle als persönliches Oratorium genutzt, weshalb sie in alten Schriften als "Königskapelle" bezeichnet wird. Als unmittelbares Vorbild haben Forscher die private Kapelle Kaiser Karls IV. in Karlstein geortet, und als typologisches Vorbild gilt die Pariser Sainte-Chapelle König Ludwigs IX., des Heiligen.

Im Lauf der kommenden Jahre sollen in der Bartholomäuskapelle nach und nach wieder die seit 1889 im Historischen Museum der Stadt Wien (heute Wien Museum) befindlichen mittelalterlichen Fenster ("Habsburgerscheiben") mit Darstellungen von habsburgischen Herrschern und weiteren Sujets eingesetzt werden. Es wird dann in dieser Kapelle eine von den farbigen Originalfenstern wesentlich mitgeprägte Aura herrschen, wie das früher auch im Dominneren der Fall gewesen ist.

Print-Artikel erschienen am 1. Dezember 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7