Betrachtungen der US-amerikanischen Identität jenseits des klischeebeladenen "American Way of Life": Harold Otto und eine Tierfigur aus New Mexiko, entstanden um 1890. - © KHM/Aleksandra Pawloff
Betrachtungen der US-amerikanischen Identität jenseits des klischeebeladenen "American Way of Life": Harold Otto und eine Tierfigur aus New Mexiko, entstanden um 1890. - © KHM/Aleksandra Pawloff

"Es ist gut möglich, dass Heimat ein Ort ist, an dem wir noch nie waren", sagt Fadi Haddad. Lächelnd hält er eine Kuchenmodel aus Holz in den Händen. Die speckige braune Teigmodellierform mit dem geschnitzten sternförmigen Blumenmuster stammt aus der Heimat seiner Kindheit Syrien. Sie ist für den jungen Mann der Anknüpfungspunkt, um seine eigene Geschichte zu erzählen und auch zu befragen. Was bedeuten ihm die Begriffe Zugehörigkeit und Kultur? Kann ein Objekt Identität stiften? Und kann es so etwas wie Heimat überhaupt geben? Wie er hat die kleine Holzform Syrien verlassen und ist nun in Wien. Sie erinnert Haddad an fröhliche Kindheitsnachmittage. Die Mutter bäckt, die Kinder sitzen auf dem Boden vor dem Fernseher, spontan kommen Nachbarn zum Plaudern und Kaffeetrinken vorbei.

Gefunden hat Fadi Haddad sein Erinnerungsstück im Depot des Weltmuseum Wien. Das Ende 2017 wiedereröffnete Haus am Heldenplatz hat 30 in Wien lebende Menschen aus aller Welt dazu eingeladen, ein Objekt aus dem Depot auszuwählen, es als Ausgangspunkt für eine Reise in die eigene Biografie zu nehmen und damit die eigene Migrationsgeschichte mit der des gewählten Gegenstandes zu verknüpfen. Das Ergebnis dieser Zusammenführung von Familien, Kulturen, Geschichten, Gegenständen und Menschen ist in der ersten Sonderausstellung des neuen Museums nach dem Umbau zu sehen. In drei Sälen im Erdgeschoß eröffnen die Wahlwienerinnen und -wiener einen Dialog mit den Museumsobjekten, verknüpfen sie mit ihren eigenen Lebensgeschichten, nehmen sie als Ausgangspunkt für Gedankenspiele und Betrachtungen.

Claudia Alanes Landa beschäftigt sich anhand von Textilien aus Bolivien mit den Frauen- und Mutterbildern ihres Herkunftslandes, die Geschwister Antonina und Florian Boschitsch vergleichen anhand einer indonesischen Schutzfigur Patchwork von Familien und Kulturen, Hao Jin reflektiert an einem bemalten Glas-Ei seinen Bezug zur chinesischen Kultur und Sabria Lagoun erforscht die Herkunft ihrer Familie anhand von reich verzierten Kastenschlössern und Schlüsseln der Tuareg-Frauen.

Diaspora von Objekten

Das verbindende Element zwischen den Objekten und den Menschen dieser Ausstellung ist das Thema der Diaspora. Selbst auferlegtes Ziel der Schau ist es, die Diaspora der Objekte mit denen der Menschen zu verbinden. Dabei geht es nicht vordergründig um die Geschichte der Objekte selbst, sondern um die Assoziationen, Erinnerungen und kulturellen Prägungen von heute lebenden Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft ihre Geschichten in die Objekte einschreiben.

Camilo Antonio, Protagonist der Schau "Out of the Box" und einer der Kuratoren des Projektes, ging es darum, "die Dynamik der Stadt" aufzuzeigen. Die Museumsobjekte sieht er dabei als "kulturelle Anker in bewegten Zeiten", als Träger von persönlichen und kollektiven Erinnerung und Identitäten, die jeder einzelne Mensch und jede Generation immer wieder neu weiter und fortschreiben. Es ist eine stille, eine im besten Sinne nachdenkliche Schau geworden. Im Vorübergehen konsumieren lassen sich die Geschichten nicht. Es braucht Zeit, sie zu erzählen - in Texten, mit Bildern und in Videos. Und es bedarf auch Zeit und Konzentration, sich die mitunter komplexen, mitunter philosophisch-poetischen Überlegungen erzählen zu lassen - und dabei zu den scheinbar abgegriffenen Themen Fremdheit, Heimat und Kultur immer wieder neue Perspektiven zu entdecken.