Erstaunlich, wie hartnäckig sich manche Legenden halten: Selbst die sonst glänzend recherchierte Ausstellung "Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien", mit dem das Jüdische Museum am Judenplatz den 100. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten feiert, behauptet, Bernstein habe den Wiener Philharmonikern die Musik Gustav Mahlers zurückgebracht. Tatsächlich hatten Robert Fanta, Joseph Krips, Bruno Walter und etliche andere Dirigenten längst Mahler aufgeführt. Bernsteins Verdienst ist es, das Verhältnis zu Mahler korrigiert zu haben, ihn vom genialen und spektakulären Außenseiter ins Zentrum des Repertoires geholt zu haben.

Ein wenig befremdet in einer Bernstein-und-Wien-Ausstellung auch, dass Marcel Prawy kaum als Randfigur erscheint, zumal Prawy nicht müde wurde, seine führende Rolle zu betonen, Bernstein nach Wien zu bringen, um der Übermacht Herbert von Karajans etwas entgegenzusetzen. Vielleicht bleiben ja Prawys Tätigkeiten einer Marcel-Prawy-Ausstellung vorbehalten.

Spannendes Verhältnis

Doch allen Einwänden zum Trotz: Die Bernstein-Schau im Jüdischen Museum ist einfach fabelhaft. Denn sie versucht, das komplizierte Verhältnis des Juden Leonard Bernstein zu Wien darzustellen - der Stadt, in der Adolf Hitler zum Antisemiten wurde und in der Antisemitismus noch lange nach 1945 salonfähig war.

Fotos und Briefe dokumentieren die misstrauische Liebesbeziehung: Eigentlich scheint der linksintellektuelle Amerikaner Bernstein nicht zum Nachkriegs-Wien zu passen. Zuerst verpufft ein Konzert mit den Symphonikern sang- und klanglos. Dann bemüht sich die amerikanische Besatzungsmacht, Bernstein zu den Wiener Philharmonikern zu holen, die ihrerseits nicht abgeneigt wären, doch Bernstein winkt ab: Zu viele Mitglieder des Paradeorchesters waren ehemalige Nationalsozialisten. Erst 1966 klappt die Zusammenarbeit. Es ist Liebe auf den ersten Takt. Daraus werden in den 24 Jahren bis zu Bernsteins Todesjahr 1990 nicht weniger als 197 Konzerte im In- und Ausland. Bernstein freilich schützt sich am Anfang noch mit Ironie gegen die Wiener Vergangenheit: Er trägt einen Trachtenjanker als, wie er sagt, "Therapie gegen den deutschen Nationalismus" und nennt den Philharmoniker-Geschäftsführer und Ex-SS-Mann Helmut Wobisch "my dearest Nazi".

Die wahre Triebfeder hinter der Beziehung zwischen Bernstein und Wien ist aber wohl die universelle Menschenliebe des Musikers, der Glaube, dass Musik verbindet und Charaktere bessert. Bernstein, der in den USA vehement sein humanistisches und pazifistisches Gedankengut vertritt und schon 1947 in seinem "New York Times"-Artikel "The Negro in Music" eine Gleichstellung der Schwarzen verlangt, begreift Wien als eine Art Musik-Märchenstadt - mit allen Abgründen, die charakteristisch für Märchen sind. Doch Bernstein lernte, mit ihnen umzugehen und sich immer sicherer auf dem Wiener Parkett zu bewegen, ob es nun Termine mit dem dem Erzbischof Franz Kardinal König oder dem Bundeskanzler Bruno Kreisky waren. Und es ist keineswegs eindeutig, wer wem die Audienzen gewährte.

Die Schau des Jüdischen Museums nützt die Gelegenheit, um auch auf Bernsteins New Yorker Schneider Otto Perl zu verweisen: Perl war Wiener Jude, der 1938 nach zehnmonatiger KZ-Haft in die USA emigrierte. Nahezu vierzig Jahre lang nähte Perl Anzüge und Fracks für Bernstein.

Was dieser Schau so exzellent gelingt, ist, den Menschen Bernstein erfahrbar zu machen und eine Interpretation dafür zu bieten, wie es zu dieser eigenartigen, verrückten, leidenschaftlichen Beziehung zwischen dem Musiker und der Stadt kam. Der Katalog bietet Unmengen weiterführenden Materials. Er und die Ausstellung ist rückhaltlos zu empfehlen - nicht nur den Bernstein-Fans, sondern gerade den Nachgeborenen, die ihn kaum noch oder gar nicht mehr erlebt haben.