"Wissen Sie, wie man ein Perlhuhn fängt?" Sarah Wiener weiß es, sonst würde sie wohl nicht fragen. Den Beweis ihres Jagd-Instinkts tritt sie ab 8. Jänner 2007 im deutsch-französischen Kultursender Arte an. In den "kulinarischen Abenteuern der Sarah Wiener" muss die Starköchin alles, was in den Topf soll, selbst "erjagen, erfischen und ersammeln", erzählt sie. Ihre Reise führt Wiener durch französische Regionen, in denen Gastwirte, Köchinnen oder andere Normalsterbliche mit Hang zu Qualitätsprodukten Besonderes leisten.

Einer ihrer Lehrer züchtet Perlhühner. Er zeigt Wiener, wie ein Profi dieses blaugraue laute Federvieh fängt: "In der Nacht nämlich, wenn die Tiere schlafen" - und folglich nicht kreischen. "Im Dunkeln in einen Verschlag mit hundert Hühnern zu greifen, kostet schon einiges an Überwindung", gibt Wiener eine Kostprobe ihres nächtlichen Ausflugs. Visuell Veranlagten dürfte sich an dieser Stelle das Nackenhaar leicht kräuseln.

TV-Köchin. Kochen hat die gebürtige Wienerin übrigens genau so gelernt wie Perlhühner fangen oder Karpfen fischen: "By doing - von anderen Köchen, Experten oder genialen Autodidakten", sagt die heute 44-Jährige. Das Kreative habe sie mit der Muttermilch aufgesogen. Anders aber als Lore Heuermann, die als Grafikerin und Performance-Künstlerin in Wien reüssiert, lebt Tochter Sarah ihren freien Geist beim Kochen in einem ihrer drei Berliner Restaurants aus - oder in TV-Küchen. Und so zaubert sie in der Late-Night-Kochshow von Johannes B. Kerner (www.jbk.de) schon mal eine Blätterteigtorte mit Granatapfelkernen, Feigen, Pistazien und Rotwein-Orangen-Sauce zum vorweihnachtlichen Nachtisch. Den mitkochenden Kollegen schmeckts, auch wenn die zerlaufende Mascarpone-Creme den strengen Kriterien heimischer Hausfrauen alten Schlags wohl nicht standhält. "Gelatine verwende ich nicht so gern", argumentiert Wieners Bewusstsein für Gesundes.

Die Wiener Wurzeln kann die TV-Köchin nicht leugnen. Auf der Tageskarte ihres Café-Restaurants "Hamburger Bahnhof" sind sie zum Beispiel durch "Sellerienockerln" präsent. In Kerners Show blitzen österreichischer Akzent und Charme durch. Der einzige Nachteil der Sendung sei, dass sie "blaad weard", gesteht sie dem Moderator unverblümt. Dieser blickt sie fragend an und versteht weder, was die attraktive Wienerin sagt, noch warum sie ob ihrer branchenunüblichen Schlankheit so Selbstkritisches anmerkt. Wenn sie nach einer Woche Dreh in Frankreich mit drei Kilo mehr zurückkomme, sei Disziplin angesagt. "Ich habe kein Auto, trinke keine zuckerhaltigen Limonaden, esse keine Chips und niemals Junkfood", verrät sie ihr Geheimnis.

"Schlank war Sarah immer schon", erzählt ihre ehemalige Mitschülerin Sylvia A. "Sehr schlank sogar. Hübsch und eigensinnig." Sie war "ein typisch fauler Teenager", ergänzt Sarah Wiener. Um die Mitte der 1970er Jahre besuchten die beiden Mädchen die BEA. Gemeinsam hatten sie, dass sie praktisch ohne Vater aufwuchsen.

BEA steht für Bundeserziehungsanstalt und war, wie der Name vermuten lässt und Wiener bestätigt, "die eher geschlossene Variante" eines Internats. "Ausgang gab es im ersten Jahr gar nicht und im zweiten eine halbe Stunde zu zweit", erzählt sie. Selbstredend musste Wiener ein derart enges Zeitkorsett bald sprengen. Sylvia A.: "Einmal hat Sarah im Keller übernachtet, weil sie zu spät gekommen ist." Sie sei wohl sehr frei aufgewachsen und das habe sich schwer mit den Regeln der Schule vertragen. "Sarah hatte noch dazu das Pech, dass sie bei der besonders strengen Erzieherin war", erinnert sich die Kollegin.

Wienerin. Gegründet wurde die BEA nach der Monarchie vom Reformer Otto Glöckel für weniger gut situierte, aber begabte Kinder. Später besuchten auch Söhne und Töchter aus gutem und/oder künstlerisch orientiertem Haus und wenig Sinn für Grenzen die Bundesgymnasien mit angeschlossenen Buben- bzw. Mädcheninternaten. Palmers-Entführer Othmar Keplinger, Ex-Innenminister Ernst Strasser, Gerold Rudle, Kabarettist und Moderator der ORF-Produktion "Nie mehr Schule", seien hier als beliebige Auswahl genannt. Heute heißen die Gymnasien in Wien, Liebenau, Saalfelden und Altmünster "Höhere Internatsschulen des Bundes", kurz HIB.

Berühmtheit erlangte Sarah Wiener bereits in der Unterstufe, wenn auch unfreiwillig. Von Wien bis Saalfelden kannten ihre Mitschüler sie als "das Blumenkind". Das harmlose Gänseblümchen-Pflücken im Burggarten ahndete die Polizei mit recht zweifelhaften Methoden. Warum die Hüter des Gesetzes damals so unangemessen reagierten, wollte das "Wiener Journal" wissen. "Die Stimmung war durch Anti-Atomkraft-Bewegung und die vielen Demos ziemlich aufgeheizt", sagt Sylvia A.

In Wien sei ihr schließlich alles zu eng vorgekommen, und so folgte Wiener ihrem Vater, dem Schriftsteller und Sprachtheoretiker Oswald Wiener, nach Berlin. "Ich wäre auch nach Südamerika oder Japan gegangen, aber dort kannte ich halt niemanden", meint sie pragmatisch.

Ob der Name seines Gasthauses irgendetwas mit dem Umzug ihres Vaters nach Berlin infolge der so genannten Uni-Ferkelei im Juni 1968 zu tun hatte, will Sarah Wiener nicht kommentieren. Den provokanten Auftritt von Oswald Wiener, Valie Export, Günter Brus und Otto Muehl im neuen Institutsgebäude der Uni Wien beantwortete die österreichische Justiz jedenfalls mit Gefängnisstrafen und Exildrohung. Nach ihrem Umzug nach Berlin-Kreuzberg half die damals 17-Jährige in der Küche des "Exils" mit. Der Name des Wirtshauses habe sie genauso wenig interessiert wie die ältere Generation an sich.