Dass er 1942 in Zagreb geboren wurde, nennt Schmidt-Dengler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" einen Zufall: "Mein Vater hatte dort die größte Fleischfabrik Kroatiens. Die Fabrik wurde enteignet, wir sind dann über die Steiermark nach Wien gekommen." Der Lebensmittelhandel, in dem sein Vater weiter arbeitete, faszinierte den jungen Schmidt-Dengler weniger als die Welt der Literatur, mit der er durch einen Onkel in Berührung kam: "Er war Buchhändler in Graz und hatte einen kleinen Verlag, der antinationalsozialistische Bücher herausbrachte."

Gegen den erklärten Willen der Mehrheit der Familie habe er sein Studium der Klassischen Philologie und Germanistik begonnen, und just diese Kombination habe ihm, da sein Chef Werner Welzig jemanden brauchte, der auch gut Latein konnte, ab 1. Jänner 1966 eine Assistentenstelle am Wiener Germanistik-Institut beschert. Mit Unterbrechungen im Ausland blickt Schmidt-Dengler auf 42 Jahre in Wien zurück und sieht Vor- und Nachteile einer so langen Kontinuität: "Man kann viel aufbauen, aber auch versumpern."

Nachlässe und Vorlässe


Als seine Stärke gilt der Kontakt der Wissenschaft mit der modernen Literatur. Er sagt dazu: "Bis jetzt war immer das Problem, dass man gesagt hat: Über Gegenwärtiges lässt sich wissenschaftlich nichts schreiben. Ich glaube, man kann unter gewissen Voraussetzungen und Vorsichtsmaßnahmen doch sehr viel tun. Und das hat sich positiv zu Buch geschlagen. Die Vorlesungen waren gut besucht, wir konnten auch viele Dissertationsthemen vergeben, und mir ist es vor allem stark um die Spurensicherung gegangen."

Um das Material über kürzlich verstorbene, aber auch noch lebende Autoren zu sichern, widmete sich Schmidt-Dengler den Nachlässen, aber auch schon Vorlässen etlicher Schriftsteller, und deshalb strebte er die Leitung des erfolgreich arbeitenden Österreichischen Literaturarchivs an: "Wir konnten vor wenigen Wochen einen großen Teil des Vorlasses von Peter Handke erwerben. Ich habe mich mit dem Nachlass von Ernst Jandl befasst, mit dem von Heimito von Doderer, Fritz von Herzmanovsky-Orlando und zuletzt Thomas Bernhard, wo ich mit einem Kollegen, Martin Huber, die Werkausgabe bei Suhrkamp herausgebe."

Kann der Germanist beurteilen, welche heutige Autoren noch in 50 Jahren Interesse finden werden? Natürlich bestehe "die Gefahr, dass wir an der falschen Stelle bohren", räumt der Rapid-Fan Schmidt-Dengler ein, darum bemühe man sich um möglichst alle Autoren, um nichts von Bedeutung zu übersehen. Dass man völlig falsch liege, glaubt er nicht, er könne sich nicht vorstellen, dass Texte von Leuten wie Peter Handke, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek verschwinden werden. Es sei auf jeden Fall ein bemerkenswertes Phänomen, in welcher Dichte Österreich in den letzten Jahrzehnten bedeutende Autoren hervorgebracht habe, sodass man von einem goldenen Zeitalter der österreichischen Literatur sprechen könne.

Die Rechtschreibreform interessiert Schmidt-Dengler nicht: "Da halte ich es mit Doderer: Der Duden ist das dümmste Buch, man soll es aber nicht abschaffen, weil es sofort durch ein dümmeres ersetzt würde." Einen gewissen Sprachwandel gebe es immer, ärgerlich seien Sprachschlampereien.

Literatur geht alle an


Am von den Fachjournalisten vergebenen Titel "Wissenschafter des Jahres" freut Schmidt-Dengler, "dass man wahrgenommen wird mit dem, was man tut". Das oft gestörte Verhältnis der Wissenschaft zum Journalismus werde dadurch entspannt. Die Verleihung an einen Germanisten zeige: "In der Literatur geschehen Dinge, die alle betreffen." Die Geisteswissenschaften reagierten viel sensibler auf gesellschaftliche Entwicklungen als die Naturwissenschaften, auch in ihnen sei Präzision gefordert: "Wenn Musil ein Ehrensekretariat der Seele und Genauigkeit verlangt, dann sind wir dort, wo wir sein wollen."

In der aktuellen Diskussion um den Hochschulzugang deklariert sich Schmidt-Dengler als "Vertreter des freien Zugangs, ich bin eher dafür, dass man das Maturaniveau anhebt". Gegenüber dem Universitätsgesetz 2002 hat er Vorbehalte, denn es gebe dem "Rektor unerhörte Macht in die Hand".

Seine nächsten Pläne? "Ich möchte eine große Doderer-Monografie schreiben und ein Buch über das Fest als Katastrophe. Es soll eine 300-Seiten-Kulturgeschichte des Festes von der negativen Seite werden."